Willst du ewig leben?

1. Kapitel – Die Audienz

Bistum Halberstadt, das Dörfchen Wegeleben am Harz, Trosslager des Wallenstein’schen Heeres, Ende November 1625

Jeanne war unterwegs zum wöchentlichen Empfang des Auditeurs, des Mannes, der im Namen des Obristen für die Rechtsprechung im Regiment und damit auch im Tross zuständig war. Sie hatte dafür von Gröningen bis nach Wegeleben laufen müssen, und nachdem sie den ganzen Tag die Bodeniederung entlang gegangen war, taten ihr die Füße weh und sie war erschöpft bis zum Umfallen.
Aber sie wollte unbedingt, dass jemand etwas wegen der Kinder unternahm.
Sie hatte die Puppe in den Harslebener Bergen gefunden, einem sanften Hügelland, fast gänzlich baumlos und voller Schäfer mit ihren Herden. Den ganzen Herbst über schon verschwanden Kinder aus den Lagern, und niemand wusste wohin. Manche wurden verkauft, aber einige liefen auch davon und wanderten über die Heide, bis sie dann auf einmal weg waren. Es waren viel mehr als sonst, und die Ernte war gut gewesen. Dem Heer ging es gut, kaum jemand musste Hunger leiden. Und Jeanne wusste, welche Kraft in Kindern steckte, und weshalb manch einer sich ihrer gern bemächtigt hätte. Es würde nicht aufhören, da war Jeanne sich sicher. Vor allem aber dauerte sie das Leid der Frauen, die sich ihre Kinder zurückwünschten, die eingeschlossen, die ihre erst noch verlieren würden.
An einem schroffen Steilhang hatte sie sich in den Schutz eines kleinen Wäldchens geflüchtet, und dort war sie auch auf die beiden Männer getroffen, die sich am Lagerfeuer unterhielten. Ob es Soldaten waren, konnte sie nicht sagen, aber sie sprachen über die Hexen aus den Harzer Bergen, die sich mit den Bauern zusammentaten, um die Besatzer des Bistums zu vertreiben. Und über den Feuerteufel, der überall in den Lagern wütete. Um ihnen zu entgehen, war sie durch das Unterholz gerobbt, und schließlich in einem Tannenforst herausgekommen. Und dort, im feuchtkalten Matsch, hatte sie die Puppe gefunden. Das Leinenzeug war grob und dreckig, mit Stroh ausgestopft und mit ausgefranstem Strick zusammengebunden. Finger, Gesicht und Geschlechtsteile waren mit roter Farbe aufgemalt, die an einigen Stellen bereits abgeplatzt war. Am Hinterkopf waren mehrere konzentrische Kreise in den weichen Puppenkopf eingedrückt, als hätte man ihr den Kopf eingeschlagen. Sie waren das einzig ordentliche an dem Ding und sie waren mit gelblichen Schlamm ausgefüllt, als blute das arme Kind gelben Eiter.
Sie fröstelte noch immer, wenn sie an jenen Moment dachte. Der Wind war durch die Zweige gestrichen, hatte sich im Gebüsch gefangen und ihr ins Gesicht geweht. Eiskalt, und doch war ihr am ganzen Körper der Schweiß ausgebrochen. Der feuchte Matsch war ihr in die Schuhe gelaufen, und als sie sich von der lichtlosen Finsternis vor ihr abwandte, die Puppe in der Hand, war sie sich sicher gewesen, dass tausend Augen ihr hinterherstarrten. Als ob die Kinder es ihr übelnahmen, dass sie ihnen ihr liebstes Spielzeug wegnahm.
Jeanne war beim Profoss gewesen, der für die Ordnung im Tross zuständig war. Aber Udolf Uhlenricht kümmerte sich nicht um verschwundene Kinder. Er ließ sie nicht einmal ausreden und drohte ihr an, sie zu prügeln und in ein Bordell zu stecken, wenn sie ihn nicht in Ruhe ließe. Für ihn war es eine Verschwendung, sie bei den Marketendern zu lassen. Er konnte sie nicht leiden, weil sie aus Lothringen kam, und keiner im kaiserlichen Heer mochte die Franzosen.
Deshalb war sie jetzt zur wöchentlichen Audienz des Auditeurs unterwegs. Sie war verzweifelt. Die Puppe in ihrer Tasche machte ihr Angst, und sie wusste nicht, an wen sie sich sonst wenden sollte. Der Auditeur war unabhängig von den Offizieren, und er nahm nur eine geringe Handsalbe. Sie hoffte einfach, dass er ihr zuhören würde.
Mühsam kämpfte sie sich durch die Menge, und wurde augenblicklich von einem Strom von Menschen verschluckt, der sie durch das Lager trug. Kinder brieten Speck und verteilten ihn, schleppten Suppe und Bier durch die Menge, eine Frau mit einem Korb Gras ging an ihr vorbei, und der Geruch von Campher hüllte Jeanne ein, und für einen Augenblick tauchte der Auditeur aus der Menge auf. Er stand an einem kleinen Holzpult und hatte die Hand erhoben.
Er war ein gutaussehender Mann von vielleicht dreißig Jahren. Viel älter konnte er nicht sein, denn sein Haar war braun und wellte sich sanft an den Schläfen hinab, und alle seine Zähne leuchteten im reinsten Weiß. Dann war er wieder verschwunden.
Jeanne kämpfte sich weiter auf den Standort des Auditeurs zu. Es war schwer, seine Position auszumachen, und in der Ferne versank die Sonne langsam hinter den Bergen. Die letzten Sonnenstrahlen überzogen den Himmel mit flüssigem Gold, und die dunklen Hügel zeichneten sich darunter umso deutlicher ab. Jeanne spürte die Verzweiflung, dass sie es heute nicht mehr schaffen würde.
Wo war nur der Auditeur? Sie konnte nicht erkennen, in welche Richtung sie sich bewegte. Sie fühlte sich eingesperrt, zerquetscht zwischen all den Leibern. Es roch nach Fett und Schweiß. Vor ihr stand eine Frau, deren Mantel dampfte, sie musste ihn gerade erst über dem Feuer erhitzt haben. Es roch süßlich nach ihrem Beilager und nach Urin. Jeanne rieb sich erschöpft die Augen. Sie drängelte. Jemand schimpfte. Da ergriff sie ein plötzliches Rucken. Ein harter Druck auf den Burstkorb. Sie rang nach Luft, ergab sich dann aber in den Zwang, und fand sich mit einem Mal nach vorne geschoben direkt vor dem Auditeur wieder. Er saß auf einem Hocker und studierte im Schein einer Kerze eine Karte. Neben ihm stand ein Proviantknecht.
„Da lang macht sich das Bauerngesindel, und bedient sich an der Bagage, sooft wir nicht hinschauen und mausen tun sie frech an den Vorräten. Wie soll‘n wir denn dem Feldherrn dienen, wenn wir nichts zu essen haben!“, klagte der Proviantknecht. Sie kannte ihn nicht, aber es gab immer wieder Versuche der Bauern, an die requirierten Vorräte heranzukommen.
Der Auditeur nickte unter dem Redeschwall des Mannes, faltete die Karte schließlich zusammen und steckte sie in seinen Beutel. Sofort erhoben sich dutzende Stimmen, die alle gleichzeitig auf ihn einredeten. Alle wollten noch vor Sonnenuntergang mit ihrem Anliegen unterkommen. Jeannes Herz klopfte vor Aufregung. Neben ihr roch jemand so durchdringend nach Zwiebeln, dass es ihr hochkam. Sie schluckte und beugte sich nach vorn, als sich der Auditeur von ihr abwandte, und sprach so deutlich sie konnte direkt in sein Ohr. Er würde es nicht mögen, aber was blieb ihr anderes übrig.
„Herr Major, im Lager verschwinden die Kinder. Jede Woche ein paar. Sie sammeln Holz, sie hüten Schafe und dann sind sie weg. Jemand bringt sie in den Wald. Dort habe ich das gefunden.“ Mit diesen Worten warf sie ihm die Puppe in den Schoss. „Es ist Zauberei.“
Er drehte sich herum und schien in die Betrachtung der Puppe vertieft, so wie er vorher in die Betrachtung der Karte versunken gewesen war. Schließlich sah er auf, ohne die Puppe berührt zu haben, und sah sie an. Er sagte kein Wort, aber sein Blick war verhangen.
Jeanne schoss das Blut in die Wangen, und in ihrem Inneren ballte sich etwas zusammen, eine Hitze, die sie nur zu gut kannte. Die hellen Augen des Auditeurs sahen sie interessiert an, falls er über ihr Anliegen verärgert gewesen war, nun war es vergangen. Sie kannte diesen Blick. Sie war jung, hübsch und hatte rosige Wangen und glänzendes Haar, das ihr offen über den Rücken fiel. Aber falls der Auditeur Bewunderung für sie empfand, dann überging er sie. Er wollte mehr und sein Blick war eine wortlose Aufforderung, zu ihm zu kommen und ihm zu Willen zu sein. Es war ein Ringen, für das er sie in die Pflicht nahm, und dessen Regeln er bestimmte. Sie hatte diese Art Blick nicht vergessen, aber eine Zeitlang nicht daran gedacht. Martin hatte sie nie so angesehen.
Jeanne senkte den Blick. Mit zitternden Händen griff sie nach der Puppe, aber als sie sie berührte, hob der Auditeur die Hand und für einen Augenblick berührten sich ihre Hände. Ihre Blicke trafen sich erneut und die Welt verrutschte. Jeanne sah die blauen Augen des Auditeurs, dann wurden sie braun. Sein Gesicht verwandelte sich in das eines jungen Mädchens, mit Fältchen in den Augenwinkeln aber rosigen vollen Wangen. Es sah erschrocken und verängstigt aus.
Jeanne konnte sich nicht rühren. Sie wusste nicht, wer sie war, jedenfalls nicht sie selbst. Sie stand direkt vor dem fremden Mädchen, aber sie konnte nicht einmal den Arm heben, um ihm über die Wange zu streicheln.
Dann verschwand das Mädchen und Bilder zogen vor Jeannes – oder jemands anderem – Augen vorbei, schneller und immer schneller und schneller, wie Blitze, Eindrücke aus einer anderen Welt.
Das Mädchen schwamm in der Schwärze, die Haare um ihren Kopf herum ausgebreitet wie ein Schleier. Ihr Mantel lag offen. War sie tot? Bevor Jeanne genau hinsehen konnte, saß das Mädchen in einen dunklen Wollmantel gehüllt auf einem Hocker, das Gesicht voller Abscheu. Jeanne spürte Wut in sich aufsteigen, Wut auf dieses Mädchen und ihren Trotz, und es war nicht ihre eigene Wut. Im nächsten Augenblick lag das Mädchen mit geschlossenen Lidern, die Wangen vom Fieber gerötet, unter einem Berg Decken; dann im Mondschein, die Haut wie Elfenbein, schön wie eine Königin; Jeanne spürte ihre warmen Lippen auf den ihren; auf einem sonnendurchfluteten Feld mit einem Kind in den Armen, Verzweiflung in den Augen, die Wangen voller Tränen; dann Triumph, Ekel; und zuletzt nackt auf niedergetrampelten Getreide liegend, den Kopf zurückgelegt, das Haar wirr und voller Dreck, den Mund geöffnet, während Jeanne in sie eindrang, immer und immer wieder.
Dann war es vorbei und Jeanne starrte wieder in die blauen Augen des Auditeurs. Sie rang nach Luft und hörte ihren eigenen rasselnden Atemzug. Sie war wieder sie selbst. Der Auditeur blinzelte sie verwirrt an und ließ ihre Hand los. Hatte er es auch gesehen? Was war da geschehen? Ihr kam ein schrecklicher Gedanke. Hatte er sie verhext? Und wie er sie angesehen hatte.
Jeanne stolperte zurück und wurde sofort von der Menge verschlungen.
Als sie ihre Freundin Sophie erreichte, zitterte sie noch immer. All die Gefühle waren ihre eigenen gewesen, alles, was sie gesehen hatte, war tatsächlich passiert. Was war geschehen? Dieses Mädchen, wer war sie gewesen? Sie hatte sie gemocht, ja verehrt, und gleichzeitig hatte sie sie gegen sich aufgebracht. Und am Ende, war das Liebe gewesen? Oder hatte sie sie einfach besessen? Sie spürte einen Triumph in sich nachklingen, tief und befriedigend, durchsetzt mit Hoffnung. Hoffnung worauf?, fragte sie sich. Sie wusste es nicht.
Hinter ihr löste sich die Audienz auf. Der Auditeur musste den Platz verlassen haben. Sie meinte seinen Blick im Rücken zu spüren. Schaudernd reihte sie sich mit Sophie in den Strom von Menschen ein, der auf dem Weg zur Bodenniederung war, wo sie ihr Lager aufschlagen sollten. So würde er sie vielleicht nicht finden.
Sophie summte zufrieden vor sich hin. Sie hatte Garn gekauft und dachte an die hübschen Stickereien, die sie damit machen würde. Jeanne wusste wenig über ihre Herkunft, aber es musste ein feineres Haus gewesen sein, denn Sophie konnte zarte Muster sticken und verzierte Nähte setzen. Als Jeanne sie gefunden hatte, am Straßenrand, wimmernd, voller Dreck und Blut, hatte sie Mitleid empfunden, einen Moment nur, aber es reichte, um sie aus ihrem eigenen Elend zu reißen. Sie hatte ihr den Dreck und das Blut abgewaschen, etwas Salbe auf die Wunden gestrichen und war erstaunt gewesen, unter all der Plage dieses zarte, elfenhafte Wesen zu finden, das Sophie tatsächlich war. Und das war der Moment gewesen, in dem sie sich überzeugt hatte, dass die allbarmherzige Madonna ihr einen Fingerzeig gegeben hatte, dass sie noch etwas tun konnte, auch wenn sonst alles am Ende war und die Welt um sie herum in Scherben brach.
Dies waren ihre Gedanken als sie die Lichtung erreichten. Und dies war auch der Moment, in dem sie den Mann sah.
Am Rande der trocknen Auwiesen war ein großer Kessel aufgestellt worden. Ein Feuer brannte und jeder der etwas zu der Suppe beitrug, konnte sich nachher eine Kelle davon holen. Und dort, im Feuerschein stand der Mann in einem weiten Mantel. Sie erkannte ihn wieder. Es war einer der Männer, die am Lagerfeuer gesessen hatten, als sie nach den Kindern gesucht hatte. Einer der Männer, die sich über die Brände unterhalten hatten.
Das Wasser der Bode schwappte träge gegen die Ufer, nicht weit von ihnen, und Jeanne sah dunkle Umrisse unter der Wasseroberfläche hin und her huschen. Der Boden war feucht und braun, und die Funzeln, die zur Abwehr der Geschöpfe des Wassers in die Erde gerammt worden waren, zischten und verbreiteten überriechenden Qualm. Es gab nur wenige Stellen, an denen sie trocken bleiben würden, und die Kälte kroch ihr schon die Beine hinauf.
Jeder sprach über die Brände. Und dass der Profoss sich nicht darum kümmerte und dass der Auditeur sie auch nicht verhinderte. Sie sah zurück. Der Mann war noch da. Er unterhielt sich mit einem der Steckenknechte, die das Lager bewachten. Die beiden lachten und dann wandte er sich zum gehen.
Vielleicht, dachte Jeanne, kann ich den Auditeur doch dazu bewegen, mir zu helfen.