Solvet saeculum in favila

Die komplette Kurzgeschichte ist in der Anthologie „Sternentod“ enthalten, erschienen 2019 bei pmachinery, und über die Verlagsseite bzw. Amazon bestellbar. ISBN 978-3-95765-161-7, 18,90 €

Solvet saeculum in favila

Weder ein Gott noch ein Mensch haben die Welt geschaffen, sondern sie war immer, ist immer und wird immer sein. Ein ewig lebendes Feuer, sich entzündend nach Maßen und erlöschend nach Maßen.

Sie trugen sie über die Berge nach Valizadeh. Die graue Burg so tief in den Bergen, dass nicht einmal die Drachen des Gebirges dorthin kamen. Sie trugen Mio zu dem großen steinernen Tor, das sich bei ihrer Ankunft einen Spalt breit öffnen würde, um sie hineinzulassen. Nur um sich dann vor den Augen der Welt für immer zu schließen.
Seit langer Zeit war keine Anwärterin des Drachentempels mehr nach Valizadeh verbannt worden. Dort lebten nur die alten Frauen, die keine Erlösung gefunden hatten. Die nicht erhört worden waren vor dem Himmelsdrachen, trotz eines Lebens voller Entbehrung und Kälte. Wer von der Gnade abfiel und den Weg verließ, der zum Himmelsdrachen führte, der gelangte nach Valizadeh.
So hatte es ihr die oberste Mutter erklärt, als sie Mio gesagt hatte, dass sie den Tempel für immer verlassen musste. Valizadeh. Mio rollte das Wort über die Zunge, aber dadurch klang es auch nicht besser. Eine graue Festung, verborgen zwischen den Gipfeln, darin eine Zelle, durch deren Fenster man nur graue, öde Berge sah. Nichts von dem, was dahinter lag, nichts von der Stadt am Meer, in der der Tempel lag, nichts von den Menschen, die jeden Tag dorthin kamen, kein bisschen von der Welt.
Mio lehnte sich in der Sänfte zurück und atmete die kalte Luft ein, die von draußen hereindrang. Weiß stieg ihr Atem vor ihr auf. Die Sänfte schaukelte sacht hin und her. Ihr war, als flöge sie durch die Luft, über die Welt hinweg, ohne jemals irgendwo anzukommen. Valizadeh war wie die anderen Orte, an denen sie ihr Leben verbracht hatte. Die Mienen der Frauen dort würden genauso leer sein wie die Mienen der Priesterinnen im Drachentempel, den sie nun für immer hinter sich gelassen hatte.
Draußen ertönte ein Lachen und Mio zuckte zusammen. Vorsichtig schob sie den Vorgang ein wenig zur Seite. Große, runde Steine säumten den Weg, schwarz vom Regen, dazwischen wuchsen Reste von Gras und graubraunem Moos. Ihre letzte Unterkunft war eine verlassene Bergbausiedlung gewesen, mit dem Zeichen des Erzes im Türsturz. Dieser ganze Teil des Gebirges war verlassen. Nur noch die Alten von Valizadeh lebten irgendwo weit oben, fern von allen Menschen. Seit drei Tagen trugen sie Mio nun schon durch die Berge. Die Bergbausiedlung war die letzte Unterkunft gewesen, von hier an musste Mio im Freien schlafen, mit nur wenig Schutz durch die Sänfte. Nah bei den Männern. Der Regen fiel so dicht, dass sich das Wasser in Pfützen sammelte. Die Männer fluchten und Mio hörte das Platschen, wenn jemand in ein Wasserloch trat.
Am Morgen waren es noch Schneeflocken gewesen. Der Wind hatte durch die verlassene Siedlung geweht und die Flocken vor sich hergetrieben. Mio war aus ihrer Unterkunft gekommen und hatte vergeblich nach dem Ritter Ausschau gehalten.
Der Ritter war immer dagewesen, jeden Morgen seit ihrem Aufbruch aus dem Tempel. Er hatte sie abgeholt und zur Sänfte gebracht, ihr den Vorhang aufgehalten und gewartet, bis sie sich gesetzt hatte. Dann hatte er den schweren Stoff wieder fallen gelassen und war gegangen.
Nur heute morgen nicht.
Der jüngere der beiden Waffenknecht, Lolermain, hatte beim Maultier gestanden, der Mann, der ihre Sänfte trug, Mio kannte seinen Namen nicht, hantierte an den Stangen herum. Der ältere der Waffenknechte, Chechen, fehlte. Und der Ritter stand abseits und unterhielt sich mit dem Bergführer.
Es störte Mio nicht, dass er nie mit ihr sprach. Er war ein Diener des Tempels und wusste, dass er sie nicht berühren durfte. Vielleicht mochte er sie ja auch nicht. Aber er war normalerweise da und brachte sie zur Sänfte.
Die Schneeflocken schwebten herab und schmolzen auf Mios Wangen und der eisige Wind wehte ihr ins Gesicht. Ihre Haare flatterten im Wind. Sie fror entsetzlich unter ihrer grauen Kutte. Sie schlang die Arme um den Körper, steckte die Hände unter den Achseln und setzte sich in Bewegung.
Eine Hand legte sich auf ihren Arm und drückte leicht zu. Sie roch den schweißigen Geruch von altem Leder und von Rauch, wie er immer vor dem Tempel durch die Luft getrieben war. Als sie aufsah, blickte sie in das platt gedrückte Gesicht Chechens, dem dritten Waffenknecht. »Na, auf dem Weg zu deinem Unterschlupf?«, fragte er.
Mio wich zurück, und seine Hand löste sich von ihrem Arm. Sie ging weiter auf die Sänfte zu, während er dicht neben ihr blieb.
»Du hast es aber eilig«, sagte Chechen und lachte. »Bleib doch noch ein bisschen bei uns.« Er sah zum Träger und dann zu Lolermain, der neugierig den Kopf gehoben hatte. »Die Männer mögen dich.«
Mio sah zum Ritter, aber der wandte ihr noch immer den Rücken zu. Sie blickte wieder zu Chechen. Er beugte sich zu ihr, war ihr so nah, dass sie den Rotz in seinem Bart sehen konnte, kleine durchsichtige Perlen zwischen dem drahtigen Haar.
»Ich steige jetzt ein«, sagte sie.
Doch sie rührte sich nicht. Sie musste sich umdrehen, um einsteigen zu können, und dann würde sie Chechen den Rücken zuwenden.
Er kam näher. Sein massiger Oberkörper versperrte ihr den Blick auf die Männer, auf die Berge, er sperrte die Welt aus. Das Maultier schrie, und Mio erschrak so sehr, dass sie ebenfalls schrie. Chechen lachte, und mit ihm die anderen Männer.
Das war der Morgen gewesen. Der nächste würde kommen und sie hätte kein Haus, das sie vor den Männern verbarg.
Sie ließ den Vorhang fallen und lauschte in die Stille. Jemand lachte, der Bergführer rief etwas. Dann war es wieder still.
Der Schnee war zu Regen geworden, und sie, Mio, war wie der Regen, der zwischen den Steinen versickert.

Im Laufe des Tages wurde das Wetter immer schlechter. Der Regen nahm zu, bis er in Strömen fiel. Er schwemmte alles weg, was noch auf den Steinen wuchs, umspülte die Stiefel der Männer, durchnässte ihre Gamaschen, und rann strudelnd in Ritzen und Spalten. Bald fiel er so dicht, dass er den Blick auf die Berge verdeckte. Selbst die Männer konnten sich untereinander kaum noch sehen, wie Mio an den ständigen lauten Rufen erkannte. Die Sänfte schaukelte wild, schlingerte manchmal, sodass Mio sich mit beiden Händen an den Seiten festhalten musste. Der eindringende Regen durchnässte sie, an manchen Stellen bis auf die Haut. Es kam ihr vor, als habe sich die Welt aufgelöst und bestünde nur noch aus Wasser.
Als es dunkel wurde, klarte der Himmel langsam auf. Noch immer rannen Bäche die Abhänge hinunter, das Wasser war braun und schwemmte alle Erde mit, die sich zwischen den Felsen angesammelt hatte.
Sie hielten an und die Männer begannen durchnässt und schlecht gelaunt das Lager aufzubauen. Zitternd stand Mio unter einem Felsvorsprung. Der Ritter und Lolermain inspizierten die Umgebung. Der Bergführer hockte nicht weit von ihr und versuchte ein Feuer anzuzünden. Chechen spannte die Plane, um sie nachts vor Regen zu schützen.
Der Träger des Tempels war dabei die Sänfte umzubauen. Mio fror und hätte sich gerne ihre Decke geholt. Aber ihre Sachen lagen unter dem Maultier, wo sie jemand nach dem Entladen liegen gelassen hatte. Um sie zu holen, musste sie an Chechen vorbei.
Chechen sah ihren Blick und grinste. Er ahmte einen Kussmund nach und schmatzte mit den Lippen. Speichel glänzte darauf und Mio drehte den Kopf weg, aber er lachte trotzdem. Als sie wieder hinsah, nestelte er an seiner Hose.
Mio wich zurück. Etwas Spitzes bohrte sich in ihren Rücken, ein hervorstehendes Stück Felsen. Chechen legte den Strick weg, mit dem er die Plane an einem Stab befestigt hatte, und kam auf sie zu, die Hand zwischen den Beinen. »Na, Süße! Willst du mal?«
Nicht weinen, dachte Mio. Nicht weinen. Die anderen Männer sind auch da. Wenn du weinst, wird es nur schlimmer.
»Bist eine Schüchterne, heh? Das hab ich heut morgen schon bemerkt.«
Geh weg, dachte Mio. Geh weg. Fass mich nicht an.
Er beugte sich zu ihr: »Weißt du was? Da steh ich besonders drauf. Wenn sie sich ein bisschen zieren.«
Er kam näher und Mio spürte ihren Körper nicht mehr. Ihr war auch nicht mehr kalt. Die Welt war dieser riesige, massige Körper direkt vor ihr. Darauf saß ein Kopf und daraus drang eine Stimme hervor. Sie sah, wie sich der Mund bewegte und Worte hervorbrachte. Und dieses Gefühl, dass das alles nicht passierte, dass ihre Angst nicht real war, sondern Einbildung, und sie genau da war, wo sie hingehörte.
Finger strichen über ihre Wange und hinterließen eine Schlammspur. »Da werd ich erst so richtig leidenschaftlich.« Chechen lachte leise. »Aber pst! Das bleibt unser Geheimnis.« Und dann drehte er sich um und ging weg.
Kalte Luft wehte über Mios Gesicht und das Licht des aufgehenden Mondes leuchtete in der Dunkelheit. Sie wischte sich über das Gesicht. Klebte da Dreck an ihren Fingern? Es war in der Dämmerung nicht zu sehen. Doch, da war Dreck. Dreck, der an ihr klebte. Sie rubbelte sich mit der Hand die Wange sauber. Der Wächter im Tempel hatte dasselbe gesagt, als sie ihm mit ihm gegangen war. Pst, das ist unser Geheimnis. Erst hatte er es gemocht, doch dann hatte er es seltsam gefunden, dass sie es genoss. Eine wie du, sollte die sich nicht schämen?

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