Purple Mind – Eine Reise durch den Weltraum

1. Kapitel

Die purpurnen Martern, Klage eines großen Geschlechts,
Das fromm nun hingeht im einsamen Enkel.
Georg Trakl, Der Gesang des Abgeschiedenen

Wir erreichten Algol nach einem zweistündigen Flug und waren erleichtert, dass es nicht länger gedauert hatte. Hier draußen war das Reisen unsicher, Damuria hatten wir umgangen, aber auch der freie Raum wartete mit zahlreichen unerforschten Topologien auf, so dass ich ziemlich lange für die Kursbestimmung gebraucht hatte.
Als wir dann endlich transformierten und ins JENSEITS eintraten, wusste keiner, wie lange wir brauchen würden. Als wir in der Nähe Algols wieder auftauchten, stellte Eleonora schnell fest, dass wir nur ein paar Stunden weg gewesen waren.
Ich betrachtete das als erfolgreichen ersten Test meiner groß angekündigten Fähigkeiten und kicherte vor mich hin. Zwar waren wir schon ziemlich lange zusammen unterwegs – für eine zusammengewürfelte Handelscrew außergewöhnlich lange –, aber bisher hatten wir ausschließlich bekanntes Terrain drinnen im Zentrum beflogen und da brauchte man eigentlich keinen erfahrenen Navigator.
Aber Eleonora wollte in den Algol-Handel einsteigen und Algol lag am Rande der Welt, irgendwo weit draußen am Rande der Einöde, eines vollkommen unerforschten Raumbereichs von mindestens hundert Lichtjahren Durchmesser. Und hier gab es nicht nur keine standardisierten Karten des JENSEITS‘, nein, Algol selbst war ein riesiges Loch in der Reiselandschaft. Kein Kartenmaterial, keine Informationen, nichts. Nur mysteriöse Erzählungen über Anomalien, verschwundene Raumfahrer und angeblich den paradiesischsten Planeten im Universum.
Und nun schwebten wir über einer Raumstation, die die dritte Sonne des Systems umkreiste, Shazar, die Goldende. Der Anblick der eigentlich recht hübschen goldenen Scheibe wurde uns von der Tatsache verleidet, dass wir seit Stunden warteten, aber bisher niemand auf unsere Anfragen geantwortet hatte. Laut Eleonora war es absolut verpflichtend, dass wir unsere Ankunft im System hier ankündigten, bevor wir auch nur einen Meter tiefer reinflogen, und so vertrieb ich mir mit Lizzy die Zeit mit Artefaktbekämpfung.
In einem Raumschiff mit Tharhenionkern bleiben Reste vom Aufenthalt im JENSEITS hängen. Zwar erinnert man sich nicht an die Reise – man ist ja nicht eigentlich existent –, aber das Schiff tut es. Und die Raumfahrer sind über das Kontinuum mit dem Schiff verbunden. Mit der Zeit sammeln sich Bilder, Gefühle, Musik an und man muss das Schiff reinigen lassen. Danach hat es dann leider keine Ahnung mehr von nichts und muss erst wieder alles beigebracht kriegen. Um das zu vermeiden, sammelt man die Artefakten und entsorgt sie so gut es geht. Wenn man sehr sorgfältig ist, kann man die Reinigung um Jahre hinauszögern.
Lizzy war seeehr sorgfältig. Sie hatte eine tiefliegende Abneigung gegen Artefakte und glaubte, sie würden mit Sicherheit irgendwann einmal im unpassendsten Moment auftauchen und sie derart erschrecken, dass sie das Schiff aus Versehen zerstörte. Und da Lizzy eine Scheißangst davor hatte, aus Versehen das Schiff zu zerstören, half ich ihr eben bei der Artefaktjagd.
Diesmal erwischten wir ein paar Blitze und einen blau-goldenen Käfer, der wer weiß woher gekommen war. Vielleicht hatte die Argo, unser Schiff, in einem früheren Leben unschöne Erfahrungen gemacht. Ich glaube, Raumschiffe fürchten sich noch mehr vor Ungeziefer als ihre Besatzungen. Und die Argo war ein sehr sauberes Raumschiff.
Den purpurnen Schein entdeckte ich, als gerade Leben in die Station kam. Offenbar waren doch nicht alle tot und einem mysteriösen Weltraummonster erlegen. Eine kratzige Stimme wies Eleonora an, die komplette Bordbibliothek zu übersenden, und dann zu warten. Also warteten wir. Erneut.
Lizzy übte Algolanisch, Eleonora sprach es schon perfekt. Ich suchte nach dem Schein, den ich für einen Augenblick verloren hatte, aber er war nicht wiederzufinden. Manche Artefakte sind so subtil, dass man sie einfach nicht zu fassen kriegt. Ich gab es auf und wandte mich erneut der Navigation zu, in der Hoffnung, dass die Argo inzwischen etwas mehr über das System herausgefunden hatte.
»Leider kann ich deine Neugier nur zum Teil befriedigen«, erklangen ihre Gedanken in meinem Kopf. Das Kontinuum hallte von ihrer Präsenz wieder, wie immer, wenn sie geruhte zu uns Sterblichen zu sprechen.
»Warum? Du hattest mindestens einen halben Raumtag.«
»Wir sind noch zu weit weg. Und ich werde wohl deine Hilfe brauchen.«
Das war ihr sicher schwergefallen. Wenn die Argo etwas gar nicht mochte, dann die Tatsache, dass ich ihr überlegen war. Ich hatte ihr schon angekündigt, dass wir in unbekanntem Territorium noch enger zusammenarbeiten mussten, aber wie das mit einem frisch gereinigten Schiff so ist, es weiß alles besser.
»Meine Hilfe? Wieso?«
»Diese Topologien gefallen mir nicht.«
»Sie gefallen dir nicht? Was soll das heißen? Wir sind doch nicht wegen eines Schönheitswettbewerbs hier.«
»Sie haben etwas Hässliches an sich. Chaotisch. Wild. Unzähmbar. Ich mag sie nicht.«
»Meine Liebe«, sagte ich mit meiner Geduldsstimme. »Topologien sind berechenbar und präzise. Sind sind keineswegs wild und ungezähmt. Diese Naturmetaphern sind vollkommen unangebracht.«
»So kommt es mir jedenfalls vor«, sagte die Argo und klang leicht beleidigt. Ich konnte sie mir vorstellen, wie sie mit Flunsch und gekrauster Nase dastand, in meiner Vorstellung hatte sie ein pausbackiges Gesicht und rote Flecken auf den Wangen.
»Was hast du denn nun herausgefunden?«
Die Argo begann, ihre Berechnungen zu visualisieren. Vor mir entstand ein Netz aus tausenden von schwarzen Punkten, die ein filigranes Netzwerk bildeten. Insgesamt war es eine Spirale, die sich kreisförmig um die beiden inneren Sonnen wand, und in einer Art Kugelsphäre endete, die das gesamte Algol-System einschloss. So weit, so erwartbar. Doch das Gravitationsfeld der beiden inneren Sonnen erstreckte sich viel weiter hinaus als bei der Masse zu erwarten war und schloss auch das von Shazar ein, das kaum einen Einfluss zu haben schien. Außerdem wirbelte es wild durcheinander, veränderte sich in einem Fort, war mit einem Wort: wild und unbezähmbar.
»Ich finde es etwas … groß«, sagte ich schließlich.
»Das Gravitationsfeld ist viel stärker als erwartet«, sagte die Argo. »Es wird schwer werden, hier einen Eintrittspunkt zu berechnen.«
Das Gravitationsfeld, das wir gerade sahen, war nicht das Gravitationsfeld unseres Universums. Es war das im JENSEITS, wo die Gravitation herkam und frei umherstreifte wie der Wind durch die Wolken. Reisen waren im Grunde das Aufspringen auf diese Strömungen an einem relativ ruhigen Punkt, an dem man nicht umgeweht wurde. Wenn allerdings ein derartiges Durcheinander herrschte wie hier, dann würde das Aufspringen schwierig werden.
»Zeig mir die Positionen der Sonnen, des Planeten und die Raumstation«, sagte ich.
»Diese hier oder die im Inneren?«
»Die um den Planeten.«
Wir wollten eigentlich zu einzige Planeten des Systems und auf dessen Raumstation Deschima landen. Aber da wir noch immer keine Erlaubnis hatten, unseren Flug fortzusetzen, nutzte ich die Zeit eben für schöne Dinge.
Die beiden Sonnen erschienen, eine blau, die andere rot, sich eng umkreisend und durch einen Strom Materie verbunden, der vom roten Zwerg in den Leib des blauen Riesen führte. Es war ein sonderbares Schauspiel, in der Tiefe des Weltraums ein derartiges Farbenspiel zu finden, damit hatte ich nicht gerechnet. Und der Planet hing nur wenig entfernt von diesen beiden Giganten einsam zwischen den Sternen, ein weißer Opal in der Nacht.
Ich hatte von einem Garten voller Überfluss gehört, von goldenen Wäldern, die im warmen Sommerwind das ganze Jahr über blühten. Blaue Berge, deren kühle Bäche Trost spendeten. Aber als ich mir die Sache nun so betrachtete, sagte ich mir, dass ich eher mit feuerspeienden Bergen, plötzlichen Wintern und einer Strahlendosis wie in einem Kernreaktor hätte rechnen müssen. Wie konnte dieser Planet dort überhaupt existieren? Das restliche System war sauber, es gab keinen Asteroidengürtel und auch keine weiteren Trabanten. Alles war schon vor Jahr Millionen in die beiden Sonnen gestürzt. Nur der Planet Algol war übriggeblieben, aufgrund einer Laune des Schicksals auf der einzigen stabilen Kreisbahn des Systems. Aber die Anziehungskräfte der drei Sonnen mussten diesen winzigen Haufen Stein doch auseinanderziehen. Und erst die Strahlung. Der blaue Riese stieß einen ewigen Plasma- und Strahlungsstrom aus, der so heiß und tödlich war, dass selbst hier draußen unsere Abschirmung langsam heiß lief. Lizzy meckerte schon eine Weile, aber weil wir angewiesen worden waren, uns nicht vom Fleck zu rühren, konnte ich nichts tun.
Wenn dieser Stern einen Zyklus beendete, sollte man besser in Deckung gehen.
Ich öffnete einen Speicherraum und diktierte mir selbst einige Eindrücke.

Sie nennen den Planeten Algol, der Wächter des Dämons. Wenn er am Scheitelpunkt seiner Bahn steht, ist er den Sonnen so nah, dass ihre Hitze ihn verbrennt. Am entgegengesetzten Punkt seiner Umlaufbahn schirmen ihn acht Millionen Kilometer gegen die blaue Hitze des blauen Riesen ab. Sie sagen, dann herrsche auf Algol ewiger Sommer und der Wächter würde zum Paradies. Der feurige Atem der Sonnen erreiche ihn nicht und er schöpfe Atem für einen weiteren langen Umlauf. Denn seine eigentliche Aufgabe sei es, das wankelmütige Gemüt seiner Sonnen zu bewachen und diese Wacht durchliefe er nun schon seit Jahrtausenden.

Ja, so in etwa hatten die Legenden geklungen, die wir auf dem Weg hierher gehört hatten. Farbenfroh und offensichtlich unsinnig, aber wer braucht schon logische Legenden. Ich driftete noch ein wenig tiefer in meine Gedanken, wohlig seufzend. Fast fühlte ich die wärmende Decke, die die Argo nun über mich ausbreitete.

Algol kümmert sich nicht um Sonnen und ihre Strahlung. Er kümmert sich nicht um Gravitation oder UV-Strahlung, er läuft unermüdlich auf seiner Bahn, ein ewiger Wanderer in den dunklen Weiten des Alls–

»Jane«, erklang Eleonoras Stimme. »Was treibst du da?«
»Ich fertige meinen Reisebericht an.«
»Wir sind doch noch nicht einmal in der Nähe des Planeten. Schreib etwas über diese verdammte Raumstation, die wir nun schon seit Tagen umkreisen. Ich habe eine ausführliche Liste ihrer Bewaffnung angefertigt.«
Tatsächlich, die Station starrte vor Waffen. Und was mir auch nicht aufgefallen war: Wir waren jetzt schon sechs Raumtage hier. Was sollte das werden?
»Lassen die uns hier auch noch mal weg, Eleonora?«, fragte ich.
»Das hoffe ich sehr.«
»Ich meine, im Ernst, lassen die uns nochmal weg? Lebt da überhaupt jemand auf diesem Brocken Metall?«
»Ich bin immer ernst. Und alle meine Quellen sagen: In Algol muss man geduldig sein.«
»Und dabei sind wir noch nicht mal in Algol.«
»Nicht frech werden«, schnappte sie und klinkte sich wieder aus dem Kontinuum aus. Offenbar ging ihr die Situation langsam auch auf die Nerven.
Um es kurz zu machen, wir verbrachten noch zwei weitere Raumtage dort, bis sich dann endlich jemand meldete und uns kommentarlos mitteilte, wir könnten jetzt weiterfliegen. Das interessanteste an der Mitteilung war eine lange Liste von Regeln, deren wichtigeste lautete:
Keine Sprünge ins JENSEITS.
Es war eine auditive Anweisung, die sich automatisch abspielte, sobald wir sie erhalten hatten. Ich war schon mit den Abflugvorbereitungen beschäftigt, als sie mir immer und immer wieder ins Ohr plärrte: Keine Sprünge ins JENSEITS! Keine Sprünge ins JENSEITS! KEINE SPRÜNGE–
»Ist ja schon gut«, brüllte ich zurück. »Ich hab’s kapiert. Eleonora?«
»Was?«
»Warum darf ich nicht springen?«
»Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Und jetzt flieg los.«
»Aber das dauert … Moment … zehn Raumtage. Das ist nicht dein Ernst?«
»Zehn? Wieso so lange?«
»Wir sind an einer ungünstigen Stelle rausgekommen. Ich muss quasi durch das gesamte System. An den Sonnen vorbei.«
»Na dann flieg los.«
»Aber–«
»Kein Aber. Flieg einfach.«
Sie hatte es also gewusst oder zumindest geahnt. Wenn sie den Grund gekannt hätte, hätte sie ihn uns gesagt, so konnte ich nur spekulieren. Ich beauftragte die Argo, die ballistischen Orbits zu berechnen und zu beschleunigen. »Haben wir eben ein bisschen mehr Zeit, die Gravitation zu untersuchen«, sagte ich.

Und genau das tat ich dann auch. Zehn lange Raumtage. Ich hatte noch nie so lange gebraucht, um zu einem Planeten zu kommen. Gut, Sprünge innerhalb von Sonnensystemen waren immer heikel. Aber immerhin konnte man springen.
Hier konnte man nicht. Die Argo und ich kamen recht schnell zu dem Schluss, dass die Anweisung kein Verbot, sondern eine Sicherheitsmaßnahme war. Denn die Topologien von Algol waren derart instabil, dass es mir ums Verrecken nicht gelang, auch nur einen stabilen Eintrittspunkt zu finden. Man musste den Planeten anfliegen, ganz altmodisch mit Unterlichtgeschwindigkeit.
»Ich wundere mich langsam über nichts mehr«, sagte ich irgendwann zur Argo. »Zwar verstehe ich nicht, warum der Planet nicht längst in die Sonnen gekracht ist, wie dort überhaupt Leben entstehen konnte und warum dieses Gravitationsfeld nicht längst alles verschlungen hat, aber immerhin ist jetzt klar, warum gerade hier das potenteste Transformationsmedium entsteht.«
Algol produzierte einen Kristall namens Tharhenion, der die Fähigkeit verlieh, Bewusstsein von Materie zu trennen. Er wurde in den Prozessoren der Raumschiffe verbaut und verlieh diesen die Fähigkeit, sich selbst und die Besatzung ins JENSEITS zu transformieren. Er war die Grundlage für das überlichtschnelle Reisen.
»Aber Tharhenion entsteht nur an Orten mit instabiler Gravitation«, sagte die Argo.
»Und hier ist die Gravitation instabil. Ansonsten könnten wir ja springen.«
»Aber der Planet ist sehr stabil.«
»Ein Haufen Widersprüche, jawoll!«
»Eine Anomalie«, stellte die Argo nicht gerade originell fest. »Und zwar eine der größten, die ich je gesehen habe.«
Weil du ja auch schon so viele Anomalien gesehen hast. Nur nicht zu dolle lächeln, sonst merkt sie es. »Scheint so. Es ist auch meine erste. Die erste, die ein komplettes System umfasst.«
»Müssen wir jetzt immer so lange hinein und hinaus fliegen?«, fragte Lizzy, die unser Gespräch offenbar verfolgt hatte.
»Nein«, sagte Eleonora, die anscheinend auch zugehört hatte. Hatte man denn hier nirgendwo seine Ruhe? »Wir müssen hoffentlich nur einmal nach Deschima. Und selbst wenn, die Umlaufbahn der großen Handlungsstation Musafir ist auf den Planeten abgestimmt und sie sollten nicht weiter als zwei Raumtage voneinander entfernt sein.«
»Faszinierend«, sagte ich. Abgestimmte Umlaufbahnen in einem gravitativ instabilen System. »Darf man von Musafir aus springen?«
»Ja«, erwiderte Eleonora. »Es gilt aber als schwierig.«
»Überraschung«, murmelte ich leise, aber sowohl die Argo als auch Eleonora hatten mich gehört. Ich spürte ihre Missbilligung.
»Wir sind bald da. Ich hoffe, du hast deinen Anflug im Griff«, sagte sie.
»Natürlich. Ich hab immer alles im Griff.«
Ich betrachtete den Doppelstern, an dem wir gerade vorbeiflogen, und berechnete nebenbei die Flugbahnen neu. Fliegen im Universum war langweilig. Sich das Universum anzugucken, allerdings nicht.

Wir fliegen über das System hinweg, unter uns die Ekliptik. Es hat sich herausgestellt, dass in der Umlaufbahn des Planeten doch diverse Steinbrocken und Staubwolken liegen, und sie glitzern und glänzen im Licht der Sonnen. Hier im Inneren des Systems gibt es auch einen Asteroidengürtel, die größere der beiden Sonnen überzieht alles mit einem unirdisch blauen Licht, wie das gnadenlose Strahlen des letzten Tages. Ihr kleiner Bruder ist nicht zu sehen, dafür aber einer der Massenströme, die von ihm in den dicken Bauch des blauen Riesen führen, ihn nähren und wachsen lassen, während der Rote schon den Gang zum ewigen Staub angetreten hat.
Shazar liegt weit hinter uns und nun erfahre ich auch die Namen der beiden inneren Sterne: Rasorghul, der blaue Riese, der Dämon. Und Silas, der rote Zwerg, der sich in seinem Schatten duckt. Ich sehe dem ewigen Strom zu, der sich wie eine Nabelschnur um Rasorghul windet, seinen unermüdlichen Hunger stillt, angezogen und nie wieder entlassen, einverleibt und Teil des blauen Leuchtens, ein glasklares Blau, das in den Augen brennt.

Angeblich gab es einen periodischen Jet, der bis in zehn Lichtjahre Entfernung reichte. In Damuria, dem nächsten bewohnbaren System, hatten sie uns von einem Unfall erzählt, der vor dreißig Jahren stattgefunden haben musste (genau wussten wir es nicht, die Zeitangaben waren nicht sehr genau gewesen). Rasorghul war ausgebrochen und hatte zahlreiche Schiffe zerstört. Angeblich war sogar eine mysteriöse Krankheit ausgebrochen, aber diesen Teil hielt ich für Humbug. Die Leute erzählten sich eine Menge Zeug über Algol. Wie viel davon wahr war, würden wir ja bald herausfinden.

Doch Rasorghul, der Allesverschlingende, gibt auch etwas von dem, was er nimmt. Ewig flackert sein heißer Atem und stößt Plasma aus, das durch die Leere rast ins ewige Dunkel des Weltalls, alles mit sich reißend in einem Wirbel aus Strahlung, Steinen und Staub. Weh‘ dem unglückliche Wanderer, der dann zwischen den Welten taumelt, hinfortgerissen vom Leuchten des Dämons, hinausgeschleudert ins ewige Dunkel, ins Nichts, und der, nur wenn seine Götter ihm gewogen sind, irgendwann auf eine Kreisbahn gezwungen wird, die ihn wieder zu Rasorghuls kaltem Leuchten und kochendem Atem zurückführt, denn die Masse dieses Sterns ist die höchste in diesem Teil des Alls.

Der Planet kam in Sicht. Ich musste ein bisschen geschlafen haben. Er schimmerte wie ein Opal, die Wolken leuchteten im Licht der drei Sterne. Shazar war inzwischen  so weit weg, dass sein Licht uns nicht mehr erreichte. Aber Rasorghul tauchte alles in sein blaues Licht.
Die Argo erinnerte mich sanft daran, dass es Zeit wäre, die ballistischen Orbits neu zu berechnen, auch wenn die Orbitalstation noch nicht in Sicht war. Etwas lustlos machte ich mich an die Arbeit, aber was sein musste, musste eben sein.
Flugbahnen erschienen. Der Planet war ein schwarzer Punkt, irgendwo am Rand, nahe der Wand. Deschima, die Orbitalstation, lag seitlich davon. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sie leicht fluktuierte, als könne die Argo ihre Position nicht stabilisieren. Oder waberte die Visualisierung und die Station machte die Bewegung nur mit? Wo kam die Bewegung dann her?
Ich sah zu den Sonnen, weitete meine Wahrnehmung auf das gesamte Schiff aus und versuchte zu sehen, was die Argo sah. In diesem Moment änderte sich der Winkel, als die Argo in eine neue Bahn einschwenkte. Silas schob sich teilweise vor Rasorghul. Und ein purpurnen Blitz flammte durchs Kontinuum, der mir die Sicht und jegliche Wahrnehmung nah.
Um mich herum bewegte sich alles, aber ich konnte keine Konturen erkennen. Die Visualisierung waberte, die Instrumente flackerten, der gesamte Navigationsraum verschob sich, als ob er seinen Platz noch nicht gefunden hätte. Ich verlor die Konzentration und die Berechnung rutschte mir durch die ziellosen Gedanken.
Mein Kopf dröhnte und fühlte sich an wie eine Melone kurz vor dem Platzen.
Scheiße.
Jetzt, dachte ich, ist der richtige Zeitpunkt, um den Orbit zu erreichen. »Dreh dich«, flüsterte ich der Argo zu. »So dass die Sonnen sich nicht mehr überlagern.«
Aber die Argo gehorchte nicht. Eine ballistische Flugbahn war dazu gedacht, den schnellstmöglichen Weg zu ermitteln. Abweichung war ineffizient und wenn die Argo irgendetwas nicht war, dann ineffizient. Unerklärliche Abweichungen waren einfach nicht Teil ihres Wesens.
Verzweifelt tastete ich nach der Berechnung, versuchte meinen Kopf zu berechnen. Ich war doch gar nicht transformiert gewesen. Wo kam das Artefakt her? Und noch dazu ein derart Mächtiges?
Meine Sicht kehrte langsam wieder zurück und mit ihr der Verstand. Ich bekam meine Berechnung zu fassen und modifizierte sie um eine Kleinigkeit. Die Argo drehte sich und das Licht verschwand. Kaltes blaues Leuchten war das Einzige, was noch blieb.
Wir wurden von der Gravitation erfasst und auf Deschima zuzugezogen.
Ich atmete aus.
»Was sollte denn das?«, fragte die Argo aufgeregt.

Deschima war heruntergekommen, ein Klumpen Metall im Weltall, schwarz und monströs. Es hatte einen so niedrigen Orbit, dass die Station tief innerhalb des planetaren Magnetfelds lag, auf einer Bahn, die so exentrisch war, dass der Orbit ständig korrigiert werden musste. Der Hangar hatte ein großes Loch und noch während der Landung teilte man uns mit, dass die Schwerkraft jederzeit ausfallen konnte, wir sollten also vorsichtig sein. Offenbar brachte die Gravitation die Eigendrehung gelegentlich zum Halten. Und zu allem Überfluss gab es auch keine hydrologische Sektion. Vermutlich wäre das Wasser eh ausgelaufen.
Unter der Station lag der Planet und war blau und grün, so wie die Erde früher einmal gewesen war. Er leuchtete geradezu, ein Waldplanet mit weitläufigen Meeren. Es würde schön sein, darauf herumzuwandern. Wenn es denn nicht tödlich war.
Der Hangar war riesig und außer uns schienen kaum Schiffe unterwegs zu sein. Wir schwebten langsam hinein, während Eleonora mit jemandem redete, der sehr gelangweilt, jede Silbe betonend antwortete. Offenbar war ihr Algolanisch nicht so gut wie gedacht. Unter uns erschienen kleine schwarze Punkte, die langsam zu Schiffen wurden, interplanetare Gleiter und Transporter ohne Hyperraumantrieb, aber auch ein Hyperraumfrachter der Größenklasse fünf, dreimal so groß wie die Argo und einer, der verdammt nach Größenklasse sechs aussah. Das Büro benutzte solche Schiffe für den Tharheniontransport.
Ich hätte Eleonora gerne gefragt, wann die nächste Tharhenionkarawane anstand, denn erstens konnte man damit reich werden, und zweitens war es schon verdammt beeinflussen konnte, aber das Risiko wäre es mir wert gewesen.
Und außerdem war ich ein guter Navigator. Ein verdammt guter sogar.
Eleonora gab einen frustrierten Laut von sich, der im Kontinuum deutlich zu hören war. Eine Personenfähre schwirrte an uns vorbei, sie sah ein bisschen wie ein planetarer Transporter aus. Die Punkte unter uns wuchsen zu Personen, Humanoide meistens, viele Mesangorianer und sogar ein, zwei Flugfähige. Al’Ghul musste Kontakte zu den Adrostalianern haben. Wie war es wohl für einen Flugsaurus oder einen bepelzten Wipfelsänger, in diesem dunklen Loch von einer Raumstation zu leben? Sicherlich entsetzlich deprimierend.
Ich rieb mir die Hände. Androstalianer! Das waren die legendären Navigatoren der Frühzeit. Sie hatten mit dem Reisen im Jen-Seits begonnen, bevor es so potente Remedien wie das Tharhenion gegeben hatte. Sie waren die Pioniere des überlichtschnellen Fliegens, die sich jetzt nicht mehr mit so trivialen Dingen wie korrekt katalogisierten Routen abgaben, sondern erforschten, was es noch zu erforschen gab. Bestimmt waren sie wegen der Einöde hier. Ich würde sie befragen, was sie über die Anomalie herausgefunden hatten. So leicht gab ich mich nicht geschlagen.
»Stell dir vor, wir fliegen in die Einöde«, sagte ich an Lizzy gewandt. »Ins Nichts, in den unbekannten Raum, wo es nur uns gibt, das All und das JENSEITS.«
»Brrr …«, machte Lizzy.
»Da fliegen wir ganz sicher nicht hin«, sagte Eleonora. »Und jetzt Ruhe. Ich muss mich konzentrieren.«
»Gibt’s Probleme?«
Sie antwortete nicht. Im Kontinuum war deutlich zu spüren, wie sie angestrengt nachdachte. Offenbar verlangte wieder jemand Geduld.
Wir schwebten über die Köpfe einer Gruppe Venediger hinweg – quadratische Humanoide mit einer Haut aus Eisen – und glitten so sanft in die Halterung, dass ich kaum etwas spürte. Lizzy gab ein entzücktes Quietschen von sich. Auf kaum einer Station beherrschten sie das Andocken von nadelförmigen Raumschiffen richtig und wir hatten in letzter Zeit alle Arten von Andockunfällen erlebt, abgesehen vielleicht vom Totalschaden.
Durch das Andocken standen wir still und das Habitat hörte auf, sich zu drehen. Die Schwerkraft setzte aus. Lizzy schickte mir ein Bild von sich selbst, die goldenen Haare wie eine Wolke um ihren Kopf schwebend. Sie war die Einzige, die ihre Haare nicht zumindest kurz geschnitten hatte, ob aus Stolz über ihre dichte Wolle oder aus Abgrenzung gegen die kahle Eleonora wusste ich nicht. Ich hatte noch Haare, allerdings sehr kurze. Es gibt nichts Störenderes, als wenn einem beim Navigieren Haare im Navigationsgitter herumflogen.
Ich hangelte mich an den Haltegriffen bis zur Technik, wo ich auf Lizzy traf. Eleonora war schon dabei, das Außenschott zu öffnen. Wir legten die Anzüge an, sahen uns ein letztes Mal an und betraten dann die Treppe hinunter in den Hangar.