Der Weg des Einhorns

1. Kapitel – Die Hochzeit

Mama«, sagte Katarina entnervt, »lass das bitte.«
»Aber vielleicht doch das Tuch hier, mein Schatz?« Sie wedelte mit der neuen Auswahl herum, einem hässlichen Fetzen in Leoprint, kleinen Kügelchen und Fransen.
»Nein, Mama. Ich trage keine Tücher.« Und außerdem war es sauheiß draußen, was sollte sie da mit einem Tuch?
»Aber das sieht chic aus, wenn du noch etwas um den Hals hast.«
Katarina griff nach ihrer Strickjacke, die unbeachtet auf der Kommode lag, und drückte sie an sich wie einen Schatz, den ihr keiner nehmen durfte: »Ich nehme die hier. Falls es wider Erwarten kälter wird.« Und dann flüchtete sie aus dem Ankleidezimmer, so schnell sie konnte, bevor ihre Mutter merkte, dass die Maschen der Jacke fusslig und die Knöpfe aus Horn waren.
Katarina studierte im ersten Semester Umweltmanagement in Frankfurt und war nur nach Hause gekommen, weil ihr alter Schulfreund Leo sich ausgerechnet den Juni ausgesucht hatte, um zu heiraten. Mit 21! Man stelle sich das vor, er heiratete mit 21. Woher wusste er jetzt schon, dass Miriam die Richtige war? Und überhaupt! In der Einladung hatte gestanden, dass sie sich auch sehr über Spenden fürs Kinderzimmer freuen würden. Kinderzimmer? Katarinas Mutter war sich sicher, dass Miriam nicht schwanger war (und sie war mit dem Brautvater befreundet). Also musste Leo alles schon genau durchgeplant haben. Heirat, Haus, Kinder. Herr im Himmel!
Katarina strich ihr Kleid glatt. Es stammte von ihrer Mutter, die es günstig im Bekleidungsladen ihrer Freundin, dem einzigen, den es in Breitenbach gab, erstanden hatte. Katarina trug nie Kleider, und sie war in letzter Zeit auch nicht besonders viel draußen gewesen, weil sie mitten in den Prüfungsvorbereitungen steckte. Vielleicht auch deswegen die Penetranz, mit der ihre Mutter ihr Tücher, Schals und Boleros aufschwatzen wollte. Um ihre käsige Haut zu verstecken. Aber das Studium war anstrengend und das schien hier niemand zu begreifen. Dass es ein ganz schlechter Zeitpunkt zum Feiern war!
»Schätzchen«, flötete ihre Mutter, »es ist Zee-iiit!«
Katarina trat in den Flur. Ihre Mutter schwebte in einem rotgepunkteten Kleid an ihr vorbei, wobei sie für ihr Alter verdammt gut aussah, warf sich elegant eine Handtasche über die Schulter und schlüpfte in die Stiefeletten. Katarina kam mit hängenden Schultern, einfallslosen Slippern und ausgeleiertem Rucksack hinterher, jedenfalls war es das, was ihre Mutter kritisch anmerkte, als sie sich wenig später neben ihrem Bruder auf den Rücksitz des Autos quetschte. Das Auto setzte sich in Bewegung und Katarina seufzte ergeben. Wenigstens würde das Essen gut sein. Das war es immer in Breitenbach, ihrem idyllischen Heimatdorf am Fuße der Königsberge.

Die Feier fand im Erbgericht statt, dem größten und einzigen Gasthof des Dorfes. Eindrucksvoll erhoben sich 500 Jahre alten Mauern über dem Parkplatz, als sie eine halbe Stunde später alle aus dem Auto purzelten. Das Fachwerk war frisch getüncht, aus den Fenstern quollen Petunien, Fuchsien und Zauberglöckchen und alle Pfosten waren mit weißen Seidenbändern geschmückt. Idyllisch und auch opulent, genau das, was Leo und Miriam sich zum Heiraten gewünscht hatten.
Das Brautpaar würde in wenigen Minuten ankommen, die Trauung hatte im 30 Kilometer entfernten Neustadt nur im Beisein der Familie stattgefunden. Menschenmassen strömten in den Gasthof, Leo musste das halbe Dorf eingeladen haben. Alle trugen Kisten, Beutel oder Kuchen mit sich, ihre Mutter balancierte eine Riesenkiste, in der sich ein relativ günstiges aber großvolumiges Geschirrset befand. Katarina dachte an das zerknitterte Päckchen in ihrem Rucksack, das einen Strampler mit spaßigem Spruch enthielt. Würde Leo das überhaupt bemerken? Und wenn ja, würde er es gut finden? Aber die richtigen Hochzeitssachen kosteten ein Vermögen, genauso wie schicke Klamotten für Babys.
Unter einem Seidenschal mit der Aufschrift »Dem glücklichen Paar« betraten sie den Gasthof und schlossen sich dem Strom von Menschen an, der langsam Richtung Biergarten trieb. Ein flirrende Hitze, wie manchmal Mitte Juni, lag über dem Dorf, und die meisten anderen Gäste ließen sich erstmal auf die Bänke fallen, in Erwartung baldiger Erfrischungen. Ihre Mutter zupfte von hinten an Katarinas Kleid herum und forderte sie aufgeregt flüsternd auf, doch endlich diesen verdammten Rucksack loszuwerden. Katarina warf ihn zu anderen seiner Art in die Garderobenecke und schlenderte zum Buffet. Marzipantorte mit Rosen und Herzchen, bestimmt Frau Schreiner. Obsttorten der Saison, Biskuitrollen, Bienenstich, Käse-Sahne, Donauwelle, ja sogar die Linzer Torte von Tante Marie. Hmm. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Wo sollte sie anfangen? Das Marzipandekor war zwar etwas kitschig, aber darunter lauerte üblicherweise eine extrem leckere Creme. Wo war übrigens die Hochzeitstorte? Sie sah sich um, konnte aber nichts entdecken, was nach einem mehrstöckigen mit Zuckerguss verkleideten Konditormonster aussah. Hatten sie etwa keine Torte? Nein, das konnte nicht sein. Darüber würden sie sich im Dorf jahrelang das Maul zerreißen. Stell dir vor, der Sohn von der Lisbeth hatte keine Torte … – Nein! Wirklich? Das ist ja entsetzlich! Was stimmt nur nicht mit den jungen Leuten? – Naja, aber diese modernen Torten, die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. – Ja, da hast du recht. Aber dass der Leo …
Katarina fühlte sich plötzlich schlecht. Warum war sie so fies? Niemand hatte sie gezwungen, herzukommen, sie war vollkommen freiwillig hier. Und obwohl sie Leo seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte, schien er Wert auf ihren Besuch zu legen. »Und wie ist es dir ergangen?«, hatte in der Einladung unter anderem gestanden. Wollte er wirklich ein Baby? Und sie könnte ihm erzählen, was sie als nächstes vorhatte. Solche Sachen.
Also reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Er ist bestimmt total glücklich und das wirst du ihm nicht mit deinem miesepetrigen Gesicht verderben. Sie beschloss, den Rest des Tages gute Laune zu haben und die Freuden alter Bekanntschaften zu genießen. Dann holte sie das zerknitterte Geschenk aus ihrem Rucksack und legte es auf den Geschenktisch, als gerade keiner hinsah.
Das Brautpaar traf ein, als Katarina sich eben eine ausgeklügelte Kombination aus Kuchen- und Tortenstücken zurechtgelegt hatte, die es erlauben würde, von fast allem zu kosten, ohne sich dabei zu überfressen. Abendessen gab es schließlich auch noch. Bevor sie Leo und Miriam ausmachen konnte, wurde die Hochzeitstorte hereingeschoben, und die Leute begannen zu klatschen. Dann ertönten Hurrarufe, und da waren sie: Leo im Frack, Miriam in einem traumhaften, eng anliegenden trägerlosen Hochzeitskleid aus Spitze und Tüll. Sie sah wirklich gut aus. Und sie war eindeutig nicht schwanger. Leo strahlte wie ein Honigkuchenpferd, und auch Miriam schien glücklich. Katarina wurde es etwas leichter ums Herz.
In der Glückwunschschlange traf sie alte Klassenkameraden wieder, einer hatte nach der Achten abgebrochen, war erst Fleischer und dann Politiker geworden. Er plante jetzt Umgehungsstraßen und war sauer, dass die ganzen Mittel nach Frankfurt flossen.
Mareike, mit der sie früher dick befreundet gewesen war, schien auch auf dem Weg in den Hafen der Ehe zu sein, denn sie wollte unbedingt den Brautstrauß fangen.
»Und wann werfen sie den?«, erkundigte sich Katarina.
»Na am Schluss. Wenn sie ins Auto steigen und wegfahren.«
»Und wann ist das?«
»Ich nehme doch an gegen Mitternacht. Bist du noch nie bei einer Hochzeit gewesen?«