Der schwarze Mann

Die komplette Kurzgeschichte ist in der Anthologie „Irische Märchen Update 1.1 – Wer Elfen vertraut, ist selbst schuld“ enthalten. Der Band ist im Machandel-Verlag erschienen und über den Buchhandel bestellbar. ISBN 978-3-95959-196-6, 15,90 €

Der schwarze Mann – Oisins Geschichte

Der Barde beginnt. Er setzt sich zurecht, holt die Laute hervor, klimpert ein wenig darauf herum, räuspert sich und hebt an, die größte Geschichte von allen zu erzählen.
Meine Geschichte.
„Ich werde euch die Geschichte vom heiligen Oisin erzählen, dem Barden, der vor langer Zeit von der Fee Niam in ihr Reich geholt wurde und erst vor kurzem zurückkehrte. Wir alle wissen, was er tat. Er sang und die Fee verfiel seinen Worten, flehte ihn an, ihr in das Reich ihres Vaters zu folgen, weil sie ohne ihn nicht mehr sein konnte. Und Oisin tat es. Wer hätte schon nein gesagt zu solch einem Angebot? Wer hätte nein gesagt zum ewigen Leben?“
Andächtiges Schweigen. Niemand rührt sich. Ich wende vorsichtig den Kopf, doch es ändert sich nichts, alle lauschen dem Barden, obwohl der offensichtlich keine Ahnung davon hat, was Niam von mir wollte.
„Oisin war der Sohn Fionns, eines der größten Krieger, die Irland je gesehen hat“, sagt der Barde und hebt an zu singen.

Fionn war der Anführer der Fianna, der Krieger des Königs, und er leb  glücklich und zufrieden auf seinem Hof, bis er seine berühmte Gattin, die Fee Saba traf, und zwar auf einer Jagd. Sie hatte die Gestalt einer Hirschkuh, verwandelt vom bösen Druiden Doirich, der sie zur Frau gewünscht, aber von ihr zurückgewiesen worden war. Fionn nun, auf der Jagd, erfüllt vom Jagdeifer, mit dem Pfeil auf dem Bogen, legt an auf die braunen Flanken der Hirschkuh, zielt … als seine Jagdhunde wütend auffahren. Sie haben erkannt, dass die Hindin kein Tier ist, sondern ein verwandelter Mensch. Fionn erkennt es nun auch und lässt seine Waffe sinken. Er führt sie fort, auf sein Land, wo sie sich in eine Frau zurükkverwandelt, schöner als alle, die er bisher gesehen hat, und er nimmt sie zu seiner Gemahlin. Aus ihrer Verbindung nun stammt Oisin, das Hirschlein.

„Ah“, entfährt es mir unwillkürlich. Alle sehen mich an. „Das immerhin ist richtig“, sage ich und atme tief durch. Der Barde ist irritiert. Er wird sich sicher gleich damit rechtfertigen, dass es sich ja nur um eine Geschichte handele, in der es kein Richtig und Falsch gebe. Ich wollte, es wäre so.
„Oisin aber war nicht nur Krieger, sondern auch Barde“, fährt er mich ignorierend fort. „Sein Gesang war weitgerühmt und …“
„Moment“, falle ich ihm wieder ins Wort. „Habt Ihr da nicht etwas vergessen?“
Erneut dieser irritierte Blick. „Nein, ich habe nichts vergessen.“
„Doch“, beharre ich. Und ich bin ein alter Mann, ich darf beharrlich sein. „Was ist mit Sabas Verschwinden und Fionns Suche nach dem Kleinkind?“
„Das spielt keine Rolle“, erwidert der Barde. „Wichtig ist, was Oisin tat, nachdem er Anführer der königlichen Leibgarde geworden war.“
„Es ist ja schon ermüdend, wenn Ihr die halbe Geschichte falsch herum erzählt“, sage ich. „Aber wenn Ihr dann auch noch den wichtigsten Teil weglasst …“
Ich lasse den Satz mit Absicht unvollendet, das ist so meine Art. Ich kann eine ziemliche Nervensäge sein. Sagte Niam. Und die musste es wissen.
„Nun gut“, erwidert der Barde. „Während Fionn also außer Haus war, um sein Land zu verteidigen, kehrte Doirich zurück, entführte Saba und verwandelte sie erneut in eine Hirschkuh. Sie war aber schwanger, und so verschwand mit ihr auch das Kind, das erst viele Jahre später von Fionns treuen Jagdhunden wiedergefunden wurde. Und dann …“
„Sie verschwand nicht und Oisin wurde auch nicht einfach wiedergefunden“, sage ich, entnervt von so viel Einfalt.
„Wisst Ihr“, sagt der Barde, jetzt hörbar verärgert, „wenn Ihr es so viel besser könnt, warum erzählt Ihr nicht die Geschichte?“
„Das ist eine gute Idee“, sage ich. „Darf ich?“
Damit hat er nicht gerechnet. Geschichtenerzählen ist nicht so einfach. Er weiß das und ich weiß es auch. Aber niemand kann eine Geschichte besser erzählen als derjenige, der sie erlebt hat.
Ich schaue mich um. Die Zuhörer sind mäßig begeistert. Natürlich. Sie sind schließlich hergekommen, um eine spannende Geschichte zu hören. Nicht den Streit zwischen zwei alten Männern darüber, wie es wirklich gewesen ist. Aber dieser stümperhafte Vortrag ist einfach nicht auszuhalten. Wozu habe ich diesem Patrick seinerzeit eigentlich alles haarklein auseinandergesetzt? Ich beschließe, ihnen etwas wirklich Aufregendes zu geben.

Meine früheste Erinnerung ist meine Mutter, wie sie hinter mir aufragt, stolz und schön. Ihr glänzendes Fell, die kräftigen Muskeln, ein glatter, weißer Hals. Ihr Kopf war lang und schmal, ihre Augen vom dunkelsten Braun, das ich je gesehen habe. Sie war eine wirkliche Schönheit, eine Hirschkuh, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.
Sie stupste mich mit der Schnauze an. Immer und immer wieder. Ihre feuchte Nase berührte meine Haut, ich hatte ja kaum etwas an, nur Fell und Spinnweben, meine Nase war voller Dreck, die Hände zerschrammt, die Füße verhornt vom Laufen im Wald. Meine Mutter ragte hinter mir auf, in ihrer ganzen Größe, ich erinnere mich an das glänzende Fell, die großen, glänzenden Augen und die nach vorn gelegten Ohren. Sie schubst mich und ich stolpere. Hinter uns, irgendwo im Wald ist die Gefahr, verborgen, so dass ich sie nicht sehen kann. Immer schneller renne
ich, über Laub, Äste, vorbei an tiefhängenden Tannenzweigen, verwachsenen Buchen, krieche durchs Unterholz, springe über Steine, laufe, laufe und laufe …