Flug MH 370

Flug MH 370

Ich starte heute von Kuala Lumpur aus. Es war ein heißer Tag, alles ist irgendwie merkwürdig. Das Essen mit Encik Koh war seltsam fremd, als hätten wir uns nichts zu sagen. Dabei haben wir drei Stunden lang diskutiert, wie wir den sprichwörtlichen Karren aus dem Dreck ziehen könnten. Jetzt ist es Nacht und ich laufe über das Flugfeld zur Maschine, die mich in die Heimat bringen soll.
Vor mir geht ein Familienvater, jedenfalls sieht er so aus, wie er mit nach vorne gezogenen Schultern dahingeht, als hätte er nichts zu tun, außer an die Schwere des Lebens zu denken. Ich frage mich manchmal, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich Kinder gehabt hätte. Noch ist es nicht zu spät, würde meine Schwester sagen, aber das Familienleben hat mich nie gereizt. Ich käme mir einsam vor.
Wir wechseln ein paar Worte und steigen ein. Diesmal sitze ich vorn. Ich habe den Sekretär gebeten, mir einen Platz im hinteren Teil der Economyclass zu buchen, damit ich nicht so lange auf das Essen warten muss, aber er hat es wohl wieder verschlampt. Nun ja, was will man machen. Der Mann hat eine Tochter, die viele Männer hat und von allen ein Kind. Sie gibt sie dann zu Hause ab und geht wieder. So hat er auch im Alter immer noch genug zu tun.
Links die Trennwand zur Businessclass, ich wende mich nach rechts, die Wartelinie stockt. Als ich endlich meinen Sitz erreiche, ist er schon besetzt. Es stellt sich heraus, dass meine Platznummer vertauscht wurde und plötzlich habe ich keinen Sitzplatz mehr. Endlose Diskussionen mit einem wahrhaft hochnäsigen Steward, schließlich bekomme ich einen Platz in der Businessclass. Ich freue mich. Einmal hat es etwas Gutes, dass der Sekretär viele Enkel hat.
Ich nicke ein, während das Flugzeug vorbereitet wird. Dass es losgeht, merke ich nur daran, dass der Familienvater mich anstupst und mir einen guten Flug wünscht. Er hat einen Blick ins Cockpit geworfen und ist nun wieder auf dem Weg nach hinten.
Menschen, die nie fliegen, regen mich auf. Ich räkele mich und mache es mir bequem. Businessclass. Ich bin allein auf einem Zweisitzer direkt neben der Bordküche. Sicher werde ich gleich am Anfang etwas zu essen bekommen und es wird nicht der übliche Reis mit Fisch sein, sondern Dim Sum. Und ein grüner Tee. Vielleicht gibt es sogar einen Schnaps dazu. Ich kann mich glücklich schätzen.
Wir starten. Ich werde in das Sitzpolster gepresst, genieße die bekannte Empfindung, schließe die Augen und warte, bis wir durch die bodennahen Turbulenzen sind. Ich setze mich ans Fenster. Über den Wolken wird es warm und die samtene Dunkelheit draußen zieht mich in ihren Bann.
Ein Mann setzt sich neben mich.
»Entschuldigung«, sagt er und lächelt. »Ich habe es vorn nicht ausgehalten.«
Er deutet auf den Sitz schräg vor mir, in dem ein sehr dicker Mann sitzt, dessen Hemd dunkle Flecken hat.
»Seltsam«, sage ich. »Er ist doch sicher für eine Firma unterwegs. Hat er kein Hotel?«
»Ich frage mich, was er den ersten Teil der Nacht getrieben hat«, sagt mein neuer Nachbar und lächelt wieder.
Meine Fantasie geht mit mir durch. Meine Schwester würde schimpfen. Ich reiße mich zusammen.
Eine Stewardess stürmt an uns vorbei. Ich versuche, meinen Sitznachbarn nicht allzu genau anzusehen. Lieber säße ich allein, dann wäre die Versuchung nicht so groß. Aber ich schätze, wenn man unplanmäßig in der Businessclass reist, darf man sich nicht über Versuchungen beschweren. Und er sieht ja wirklich gut aus.
Er stellt sich vor, ich erwidere den Gruß. Erneut rennt die Stewardess vorbei, diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Warum geht sie so schnell? Das sieht nicht sehr elegant aus.
Der Mann neben mir hat meinen verwunderten Blick gesehen. Und lächelt.
»Ich glaube, sie haben irgendwelche Probleme.«
Das Flugzeug sackt ab. Vor mir gibt jemand einen kicksenden Schrei von sich. Dann ist alles wieder normal. Von hinten höre ich erleichtertes Ausatmen.
»Was für ein Problem?«, frage ich.
Mein Nachbar beugt sich zur Seite, späht eine Weile den Gang entlang und schüttelt dann den Kopf. »Ich weiß nicht. Aber gerade jetzt stehen sie vorn und streiten.«
Sollten sie nicht das Essen servieren?
Ich stehe auf und gehe an meinem neuen Nachbarn vorbei. Ein Vorteil der Businessclass ist der Platz. Ich kann an ihm vorbeigehen, während er sitzt, ohne ihn zu berühren.  
Ein Mann und zwei Frauen in den Uniformen der Fluggesellschaft stehen sich im Eingangsbereich gegenüber. Die jüngere der Frauen hat rote Gesichtshaut, ihr Make-up ist verwischt. Der Mann wirkt ratlos. Ich merke, wie ich die Stirn runzle.
»Das ist aber nicht sehr professionell«, sagte ich und gehe zu meinem Platz zurück.
Beinahe stolpere ich über die ausgestreckten Beine meines Nachbarn. Er lächelt. Schon wieder.
Lächler habe ich am liebsten. Wie gut, dass ich ihm auf dem Rückflug begegnet bin und nicht auf dem Hinflug. So können wir etwas verabreden, ohne Verpflichtungen einzugehen.
Das Flugzeug neigt sich zur Seite. Und zwar so stark, dass ich gegen die Armlehne gedrückt werde. Mein Nachbar kippt zur Seite und ich spüre seine Berührung an der Schulter. Er versucht sogleich, sich wieder von mir zu entfernen.
Aber die Neigung des Flugzeugs verstärkt sich weiter.
Mein Nachbar greift nach mir, gemeinsam richten wir uns wieder auf. Dann legt er mir die Hand auf den Arm.
»Alles in Ordnung?«
»Was ist los?« Ich bin verwirrt. Ich fliege diese Strecke einmal im Monat. Niemals wenden wir so kurz nach dem Start. Und vor allem nicht so stark.
»Keine Ahnung. Vielleicht weicht er aus?«
»Wem soll er denn ausweichen? Wir sind in Flughöhe. Schon seit zehn Minuten. Oder länger.« Ich habe die Zeit nicht ganz im Blick, weil ich mich mit ihm unterhalten habe. Und weil noch immer kein Essen ausgeteilt wurde.
»Du fliegst wohl öfter?«
»Ja«, sage ich und stehe erneut auf, um einen Blick in den Gang zu werfen.
Die Stewards sind verschwunden. Vor dem geschlossenen Cockpit herrscht gähnende Leere.
»Wo sind sie hin?«
Mein Nachbar steht ebenfalls auf. Wir stehen halb im Gang und beobachten den Eingangsbereich. Nichts. Ich sehe nach hinten. Auch in der Bordküche ist niemand.
Am Durchgang zur Economyclass stehen einige Passagiere und reden miteinander.
Erneut neigt sich das Flugzeug, aber diesmal bin ich vorbereitet. Ich halte mich am Mittelsitz fest. Der dicke Mann darauf protestiert mit schriller Stimme. »Was fällt Ihnen ein!«
»Wo sind die Stewards?«, frage ich, an ihm vorbei blickend. »Und warum wenden wir?«
Ich bin mir nicht sicher, aber es fühlt sich so an, als hätten wir gerade eine komplette Kehrtwende gemacht. Also zurück? Aber warum? Treibstoff kann es nicht sein, wir sind höchstens eine halbe Stunde unterwegs. Gibt es ein technisches Problem? Oder eine Terrorwarnung? Sind die Stewards deshalb verschwunden?
Aus der Economyclass kommt ein großer, breiter Mann, ein Europäer und verlangt in gebrochenem Englisch Auskunft. Ich bin nicht sicher, aber es klingt, als sei er Franzose.
Ich sage, dass ich es auch nicht weiß. Zusammen mit einigen anderen, die mit ihm gekommen sind, drängelt er sich an mir vorbei und läuft zum Cockpit. Einer geht um die Ecke, der Franzose reist die Toilettentür auf.
Jemand schreit. Der Franzose zerrt eine der Stewardessen aus dem Klo. Sie hat ein Handy in der Hand, das nun im hohen Bogen durch die Luft fliegt und auf dem Boden landet. Auf dem Display ist ein Verbindungssuchsignal zu sehen.
Der Franzose redet auf die Stewardess ein, holt schließlich einen Übersetzer zu Hilfe. Zu zweit fragen sie die Frau aus, brüllen sie an, bis sie zu weinen beginnt. Gesagt hat sie nicht viel. Dass sie auch nichts weiß. Dass die Tür zu bleiben muss. Dass der Copilot nur kurz mit ihr gesprochen hat. Was er gesagt hat, sagt sie nicht. Vielleicht weiß sie es nicht.
Es knackt im Lautsprecher und die Stimme des Piloten ertönt. Man müsse leider die Route ändern, aber alles sei in Ordnung. Bitte alle an ihre Plätze zurückkehren. Vielen Dank für Ihre Zusammenarbeit.
Ich gehe einen Schritt zurück. Der Franzose schimpft wütend in seiner Muttersprache. Der dicke Mann direkt vor mir hat sich erhoben. Er trägt eine Goldkette und tatsächlich, er stinkt. »Ich verlange meine Mahlzeit!«, ruft er. »Ich werde mich beschweren.«
Da taucht der Steward wieder auf, an seiner Seite die ältere der beiden Frauen und ein Passagier. Er nimmt das Mikrofon und bittet die Passagiere geduldig zu sein. Die ältere Stewardess geht die Reihen entlang. Eine andere, die ich noch nicht gesehen habe, tut das dasselbe in der Economyclass. Ich höre sie Passagiere ermahnen, ihr Handy wegzulegen. »Wir sind zu hoch. Es gibt keine Möglichkeit, ein Funksignal zu erreichen. Bitte helfen Sie dem Piloten.«
Schwer atmend lasse ich mich auf meinen Sitz fallen. Wir fliegen jetzt wieder gerade. Es stehen noch immer Passagiere im Gang und diskutieren.
Ich taste in meiner Tasche nach dem Handy. Es ist da. Seine Gegenwart fühlt sie tröstlich an. Ich könnte eine Nachricht für meine Schwester eingeben und auf senden drücken. Wenn wir an Höhe verlieren, wird es automatisch gesendet.
Aber nein, denke ich. Solche Gedanken rufen das Unglück herbei. Ich drehe den Kopf zur Seite und lächle meinen Nachbarn an.
Er sieht angespannt aus. Sein Gesicht ist eine starre Maske, Schweiß steht ihm auf der Stirn.
»Keine Angst«, sage ich. »Es ist sicher nur eine Vorsichtsmaßnahme. Vielleicht haben sie einen Fehler entdeckt und fliegen jetzt zurück. Immerhin ist es noch sehr weit bis nach Bejing.«
»Dann müssten wir jetzt da sein«, erwiderte mein Nachbar. »Wir fliegen seit über zwanzig Minuten in die andere Richtung.«
»Welche Richtung?«
»Ja, welche Richtung?«, fragt jemand aus dem Gang. Ich hebe den Kopf. Es ist der Familienvater. Er sieht grau aus, die Lippen sind zusammengepresst. Sicher sehnt er sich nach seinem Kind. Und seiner Frau.
Die Stewardess kommt zurück. Sie berät sich mit ihrer verweinten Kollegin, aber sie scheinen zu keinem Schluss zu kommen. Keine der beiden versucht auch nur, mit den Piloten zu reden. Wenn der Kapitän nicht vorhin die Durchsage gemacht hätte, könnte man glauben, er wäre überhaupt nicht da.
Der Franzose erscheint wieder. Mit dem Steward, der vorhin die Durchsage gemacht hat, im Schlepptau. Und einigen anderen Männern.
Der Eingangsbereich füllt sich schnell. Mein Nachbar steht auf und geht ein paar Schritte nach vorn. Er möchte sicher hören, was sie besprechen.
Ein lautstarker Tumult bricht aus. Sie streiten. Wie Männer streiten, wenn sie Angst haben. Ein dumpfes Pochen ist von vorn zu hören, zusammen mit einer lauten Stimme, die Einlass begehrt. Eine Stewardess ruft: »Nein, lassen Sie das!«, doch das Pochen hört nicht auf.
Ich stehe auf. Vor der Cockpittür stehen viele Menschen. Der Franzose schlägt mit der Faust dagegen.
Es klackt und ein Zischen ertönt. Nicht laut, aber deutlich.
Die Männer vor dem Cockpit halten inne.
»Das war die Tür«, sagt mein Nachbar. »Sie haben das Cockpit von innen verriegelt.«
»Hätte ich auch getan«, sagt ein distinguierter Herr auf der Sitzreihe vor mir. »Wenn mir jemand derart auf die Nerven geht.«
»Aber wir müssen doch erfahren, was los ist?«, keucht der Familienvater.
»Was soll los sein?«, sagt der distinguierte Herr. »Sie müssen eben zurück. Das kommt vor.«
»Aber warum sind wir dann noch nicht gelandet?«
»Flughafen geschlossen?«
»Kuala Lumpur?«, fragt mein Nachbar ungläubig.
»Vielleicht gab es einen Anschlag, und sie wissen nicht, wo sie landen sollen.«
»Das ist keineswegs beruhigend«, quiekt der Familienvater.
Der distinguierte Herr wirft ihm einen Blick zu. »Sicher gibt es noch schrecklichere Alternativen«, sagt er und sieht aus dem Fenster.
Vor der geschlossenen Cockpittür ist ein Streit darüber ausgebrochen, wer daran schuld sei, dass niemand mehr zu den Piloten kann.
»Rufen Sie sie an«, schreit der Franzose und hält der Stewardess das Telefon unter die Nase, das er ihr vorhin aus der Hand geschlagen hat.
»Aber sie haben ihr Telefon doch ausgeschaltet«, sagt sie.
»Machen Sie einfach«, brüllt er. Er ist wirklich sehr unhöflich.
Erneut eine Positionsänderung. Diesmal nicht so stark wie vorher, aber deutlich spürbar. Ich versuche mich zu orientieren, gerate aber durcheinander. Ich stehe mit dem Blick zum Cockpit in einem Flugzeug, das … nach Süden fliegt? Aber doch nur, wenn wir auch wirklich nach Kuala Lumpur zurückwollten. Was, wenn wir woanders hingeflogen sind? Zu einem anderen Flughafen? Oder ganz woanders hin?
»Wir sind westlich von Penang!«, höre ich einen Ruf hinter mir. Ich drehe mich um.
Raunen, Rufe aus der Economyclass, der Familienvater neben mir beginnt zu weinen.
»Wir fliegen zurück«, stammelt er. Wieder und wieder.
»Nein, das tun wir nicht«, sagt der distinguierte Herr.
Penang liegt nördlich von Kuala Lumpur. Wenn wir es bis Penang – und darüber hinaus – geschafft haben, dann hätten wir auch zum Ursprungsflughafen fliegen können. Also doch ein Anschlag?
Aber westlich von Penang? Dann sind wir einmal komplett über Malaysia geflogen und nun über dem offenen Meer. In der vollkommen falschen Richtung. Wo sollen wir jetzt landen? In Indonesien?
Ich höre Leute schreien. Das Piepsen von Telefonen, die keinen Empfang haben. Niemand kann herausbekommen, ob es in Malaysia einen Anschlag gegeben hat, weil es kein Internet gibt. Die Piloten können wir nicht fragen, weil die Cockpittür geschlossen ist.
»Kommen sie sofort wieder!«, schreit jemand hinter mir.
Ich werde angerempelt, die verweinte Stewardess drängt an mir vorbei, hemmungslos schluchzend. Ihr Mobiltelefon hält sie fest an die Brust gedrückt.
»Haltet sie!«, schreit der Franzose. »Haltet sie!«
Vor der Economyclass tritt ihr ein Mann in den Weg.
»Lass mich«, ruft sie. »Ich weiß doch auch nicht, was mit ihnen los ist. Ich weiß doch nichts. Sie sind alle verrückt geworden.«
Meint sie damit die Männer vor dem Cockpit oder die Piloten?
Sie wird jetzt festgehalten und wehrt sich. Es ist eine kleine Frau, vielleicht dreißig Jahre alt und Muslima. Ihr Kopftuch ist halb verruscht. Sie ist es nicht gewohnt, von Fremden berührt zu werden. Ihre Panik äußert sich in schrillen Schreien.
Der Franzose stößt mich in die Seite, aber ich lasse ihn nicht vorbei. Mit schnellen Schritten gehe ich auf die Frau zu, packe den fremden Mann an den Armen und fauche: »Lass sie los!« Dann ziehe ich sie zu mir. Wenn er sie jetzt nicht loslässt, trete ich ihn. In der Enge des Flugzeugs kein Problem.
Aber er gibt nach. Der Franzose ist da, will sie mir wieder entreißen. Abrupt drehe ich mich, reiße den freien Arm hoch. Ich ziele nicht richtig, rutsche an der Brust ab und treffe sein Kinn.
Sein Kopf schleudert nach hinten. Das Flugzeug sackt ab und er verliert den Halt. Seine Hände rudern durch die Luft, finden nichts, woran sie sich festhalten können. Er stolpert und stürzt zu Boden.
Schnell trete ich an ihm vorbei, die Stewardess mit mir ziehend und drücke sie auf meinen Sitz. »Bleiben Sie hier«, weise ich sie an und trete wieder in den Gang, falls er vorhat, sie auch hier anzugreifen.
Er brüllt. Sein Gesicht ist hochrot. Schläge sind vom Cockpit her zu hören. In der Economyclass ist Tumult ausgebrochen. Ich höre lautes Schreien, jemand weint so herzzerreißend, dass ich Mühe habe, die Tränen zurückzuhalten. Aber ich muss jetzt stark sein. Auf keinen Fall nachgeben.
Einige Männer, auch mein Nachbar, drängen sich zwischen mich und den Franzosen. Das Flugzeug schwankt. Der Franzose, schon in Schräglage, stürzt wieder zu Boden.
Sofort sind einige Männer auf ihm, halten ihn fest, bis er zu brüllen aufhört.
Ich atme erleichtert aus.
Der Sitz neben meinem ist nun leer. Ich setze mich und nehme die Hand der Stewardess. Sie sieht mich mit roten Augen an. Wimperntusche ist ihr über die Wangen gelaufen. Dann sieht sie auf.
Um unsere Plätze hat sich eine schweigende Menge versammelt. Alle schauen zu uns herunter. Kurz öffnet sich die Mauer, die ältere Stewardess kommt hervor und hockt sich vor uns auf den Boden.
Ich drücke der jüngeren die Hand. Und schaue auf ihr Namensschild. »Nur Mut, Puan Tan«, sage ich.
»Was haben die Piloten gesagt?«, fragt der distinguierte Herr mit ruhiger Stimme. Ich habe ihn nicht bemerkt. Er ist so unauffällig.
»Sie sagen, sie fliegen so, dass uns niemand bemerkt. An der Grenze der Lufträume. Deshalb ändern sie auch ständig die Höhe.«
»Entführung«, sagt jemand.
Puan Tan zuckt mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Sie sind alle verrückt geworden.«
»Sie wollen nach Süden«, sagt die andere Stewardess. Ihr Name ist Goh. Im Gegensatz zu Tan ist sie noch immer ganz ruhig.
»Nach Süden?«, fragt mein Nachbar. »Aber was wollen sie denn da?« Seine Stimme zittert.
»Ich weiß es nicht«, erwidert Goh nüchtern. »Er sagte, er fliegt ein letztes Mal über die Heimat. Sie haben uns bestimmt gesehen, aber nun wird niemand mitbekommen, wohin wir fliegen.«
Stille. Alle starren sie an. Ein kleiner Mann, der etwas weiter hinten im Gang steht, fällt auf die Knie und fängt an zu beten. In leierndem Gesang bittet er Allah um Hilfe.  
Goh zieht ihr Telefon heraus und beginnt zu tippen. Plötzlich tippen alle Menschen um mich herum auf ihren Handys. Aber niemand hat Empfang. Niemand scheint irgendwen erreichen zu können, irgendwelche Nachrichten zu bekommen. Es ist, als wären wir vollständig von der Welt abgeschnitten, eingeschlossen in diesem Flugzeug, das weiterfliegt, immer weiter bis ans Ende unseres Lebens.
»Wo sind wir?«, flüstert mein Nachbar.
»Wir werden alle sterben«, sagt jemand.
Sofort regt sich Protest. Natürlich werden wir nicht alle sterben. Das wäre ja gelacht. Nein, niemand stirbt hier, protestiert der dicke, stinkende Mann.
In diesem Moment ist ein Knall zu hören. Ein einzelner lauter Knall.
Er kam aus dem Cockpit. Im Cockpit hat jemand geschossen. Die Unterhaltung erstirbt für eine Weile. Alle lauschen.
Nichts. Keine weiteren Schüsse. Kein Gebrüll. Kein Chaos. Das Flugzeug ist noch intakt. Das Cockpit ist weiterhin geschlossen.
Was auch immer hinter der Tür geschieht – geschah –, ist vorbei.
Jemand wundert sich, wie der Pilot die Waffe an Bord gebracht hat. Ein anderer schreit, dass das doch vollkommen egal sei. Wir sind abgeschnitten von der Welt. Das hier ist nicht real. Das hier ist eine Insel im Chaos der Welt, auf der alles nach genau festgelegten Regeln abläuft. Nur sind gerade alle dabei, diese Regeln zu brechen.
» Im Süden? Was ist im Süden? Was ist dort?«, flüstere ich.
»Dort ist nur Meer«, sagt mein Nachbar. Er hat ein Notizbuch herausgeholt und malt seltsame Zeichen darauf. Überall stehen Zahlen. Zeichen. Winkel.
Wie wäre es wohl, wenn ich diesen Mann kennengelernt hätte, bevor wir in das Flugzeug stiegen? In Bejing. Wenn ich Zeit gehabt hätte, mich mit ihm die ganze Nacht zu unterhalten, bei gutem Essen und europäischem Wein? Er hat Geld oder er arbeitet für eine reiche Firma, warum sonst sollte er sonst in der Businessclass sitzen. Wenn wir uns verabredet hätten, auf ein weiteres Treffen, an einem anderen Tag. Vielleicht hätte ich dann doch noch ein Kind bekommen. Und meine Schwester glücklich gemacht.
Das Entsetzen breitet sich von meinem Herzen wie eine Welle über den gesamten Körper aus. Es ist schmerzhaft. Das Gefühl vollkommenen Unglücks, als läge aller Schrecken der Welt auf meinen Schultern. Als wäre er in mich eingedrungen und fräße mich von innen her auf.
Ich will nicht sterben.
Du wirst ein Stern sein, am Horizont. Ein glitzerndes Licht in der Dunkelheit. Du wirst nicht weg sein. Es wird dich noch geben.
Ich reibe mir übers Gesicht.
Der stinkende Kerl über mir kommt auf mich zu. Ich schreie auf, weiche zurück.
Aber er greift nicht nach mir, er greift nach meinem Nachbarn. Dem Vater meines Kindes. Er reißt ihn hoch und brüllt: »Was machst du da? Bist du es etwa?«
Er schüttelt ihn, schlägt ihn ins Gesicht. Der Kopf fliegt zur Seite, Blut fließt aus der Nase. Der Stinkende schüttelt ihn nur immer weiter.
Ich springe auf. Mein zukünftiger Ehemann schlackert wie eine Puppe in den Armen dieses riesigen Kerls. Ich greife ein. Das Monster schlägt nach mir, mein Ehemann wird zurückgestoßen, stolpert und landet im Schoß der weinenden Stewardess, die noch immer auf meinem alten Platz sitzt. Er stöhnt.
Ich weiche einem weiteren Schlag aus, der Stinkende nennt mich »dumme Hure«. Er glaubt, dass mein Mann einen Zauber auf das Flugzeug gelegt hat.
Vielleicht hat er Recht. Vielleicht sind wir alle verzaubert. Vielleicht stürzen wir ab. Die Cockpittür ist geschlossen. Dass es ausgerechnet uns treffen muss. Warum ich? Ich wollte doch nur nach Hause. Es war doch nur eine Geschäftsreise. Meine Schwester war immer der Meinung, dass das Reisen mich eines Tages ins Unglück stürzen würde, aber sie hat es doch ganz anders gemeint.
Die Menge um uns herum hat sich aufgelöst. Der Stinkende ist verschwunden. Ich sehe ihn hinter mir in der Bordküche. Er reißt Beutel heraus und stopft sich kalten Reis in den Mund. Er packt eine Flasche, dreht den Deckel ab und gießt sich den schäumenden Inhalt in den Mund. Aus den Mundwinkeln rinnt es heraus, färbt seinen Kragen dunkel.
Es ist so laut. Meine Wangen sind nass. Ich reibe darüber. Ich will nicht, dass mein zukünftiger Ehemann mich so sieht. Er soll sehen, wie beherrscht ich bin.
Eine Mutter erscheint mit ihrem Kind, der Junge starrt mich mit aufgerissenen Augen an. Puan Tan steht auf und führt beide zu einem leeren Platz. Ich setze mich neben meinen Mann. Vor mir höre ich die Mutter, sie liest dem Jungen etwas vor, es ist ein altes chinesisches Märchen.
»Warum sind alle so laut, Mama?«, fragt der Junge.
»Still, Kind.«
»Aber warum?«
»STILL!«, schreit sie. Ich kann die Tränen sehen, die sie nicht mehr zurückhalten kann.
Im Gang stürzt jemand zu Boden. Blut fließt. Ich kann es sehen und riechen. Ich lege den Arm um meinen Ehemann und so lehnen wir aneinander, eng umschlungen. Es ist so laut. Ich kann die Mutter nicht mehr hören. Vielleicht ist sie ja auch schon tot. Wir fliegen nach Süden. So wie es von Anfang an geplant war.
»Aber warum?«, frage ich leise.
»Unter dem Meer ist ein Ort«, flüstert mein Mann. »Er ist immer da. Er wartet, beobachtet, sinnt. Bis er eines Tages seine Fänge nach oben ausstreckt und sich holt, was schon immer oben war, und nicht wusste, dass es nie allein war.«
Ich möchte schreien. »Was kann man nur tun?«, schluchze ich.
»Nichts«, sagt er. »Man kann nichts tun.«
»Es gibt nichts«, sage ich. »Nur uns zwei.«
Und dann höre ich, wie die Turbine ausgeht. Gleich darauf auch die zweite. Die plötzliche Stille überfällt uns wie ein tollwütiger Hund.
»Bitte mach, dass ich überlebe«, sage ich laut.
»Das überlebt niemand«, sagt mein Ehemann.
Alles ist sinnlos. Alles war immer sinnlos. Mein gesamtes Leben. All die Mühen. Es ist doch gleichgültig, wie viel Zeit man hat, wenn doch alles zu Ende geht. Das Universum ist unendlich. Und das Leben endet unweigerlich zu einem nicht selbst gewählten Zeitpunkt. Ob nun mit achtzig oder mit sechsunddreißig.
Mein Körper ist taub, der Schmerz hat ihn taub gemacht. Mein Herz schlägt nicht mehr.