Eilan Mor

Eilean Mòr heißt »die große Insel«, es ist die Hauptinsel der Flannan Isles, einer Felsgruppe im Nordwesten von Schottland. Sie sind knapp 30 Kilometer von der Insel Lewis und damit noch einmal soviel vom Festland entfernt. Sie ist nicht besonders groß, sehr grob 200 Meter mal 200 Meter, auch wenn sie natürlich keinen quadratischen Grundriss hat. Im Grunde ist es ein aus dem Atlantik ragender, sehr steiler Felsen, der nach dem Ende der Eiszeit noch Verbindung zum Festland hatte. Mit steigendem Meeresspiegel wurde die höchsten Erhebungen zu Inseln, die im Mittelalter für Schafherden und mönchische Besinnung genutzt wurden. Danach waren sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unbewohnt, als 1899 ein Leuchtturm für die Schiffe, die Schottland von Norden kommend passierten, errichtet wurde. Der Leuchturm wurde von drei Wärtern betrieben, die im rauen Atlanik wochenland vollkommen abgeschnitten vom Festland ihren Dienst taten.

Eilean Mòr

Joseph Moore war kurz von der Tatsache in Anspruch genommen, dass am Landesteg niemand auf ihn wartete. Dann bemerkte er die zahlreichen Trümmer auf dem Felsen, eigentümlich angesichts der Tatsache, dass seit zwei Tagen gutes Wetter herrschte. Aber was ihn wirklich mit Besorgnis erfüllte, war die fehlende Bewegung des Wassers.
Schon seit der Schoner Hesperus vor der Insel Eilean Mòr vor Anker gegangen war, regte sich kein Lüftchen. Das Landungsboot lag vollkommen unbeweglich auf dem Wasser und nun, als sie sich dem Landepunkt näherten, bemerkte Joseph, dass das Meer nicht wie sonst gegen den Felsen schlug. Die vierzig Meter hohen Felswände ragten trocken vor ihm auf und auch die für die Insel typische feine Gischt fehlte.
Die Ruhe vor dem Sturm, dachte er. Als hielte etwas das Wasser zurück, damit es später umso stärker gegen den Felsen donnern konnte.
Joseph sprang auf die aus dem Felsen gehauene Landeplattform, bemüht, keinen der Rudermatrosen etwas von seiner Besorgnis merken zu lassen. Sie waren sowieso schon unruhig genug, wegen des fehlenden Leuchtfeuers. Niemand wusste, warum es nicht mehr brannte. Erste Berichte hatten sie schon vor einer Woche erhalten, aber das Wetter hatte es erst jetzt möglich gemacht, zu der entlegenen Insel zu fahren.
Nichts regte sich. Kein Möwengeschrei, kein Quaken der Tölpel. Joseph fuhr sich mit der Hand durchs Haar, zog sie aber gleich wieder zurück. Warum wartete niemand am Steg? Wo waren James, Thomas und Donald? Nicht einmal die leeren Versorgungskisten standen da. Dabei hatten sie ihr Kommen lange angekündigt. Sogar eine Leuchtrakete hatten sie abgeschossen.
Er begann, den Landungsweg hinaufzusteigen, immer in der Hoffnung, hinter der nächsten Biegung, auf der nächsten Stufe käme ihm einer der Leuchtturmwärter entgegen. Doch nichts geschah. Das Gelände war steil, die Insel ein vierzig Meter hoher Felsbrocken im Atlantik, der Leuchtturm stand ganz oben auf einem Plateau, damit ihn die Schiffe aus dem Norden gut sehen konnten. Beim Bau hatten sie das gesamte Material aus schwankenden Schiffen mit Kränen hochschaffen und dann über einen eigens dafür angelegten Schienenweg zum Bauplatz bringen müssen. Es war zu zahlreichen Unfällen gekommen. Ein verdammtes Risiko, auf dieser abgelegenen Insel einen Turm zu bauen, fand Jospeph. Er war so weit vom Land entfernt, dass man von dort nicht einmal sehen konnte, ob alles in Ordnung war. Wer einmal hier war, kam nicht wieder weg, es sei denn, eines der Versorgungsschiffe schaffte es vor Anker zu gehen.
Joseph keuchte, als er oben ankam. Das Plateau lag vor ihm. Er folgte den Schienen quer über die Insel. Noch eine Biegung und er stand vor dem Leuchtturm.
Noch immer nichts. Kein James, der ihn freundlich grinsend empfing. Kein Donald, der so tat, als hätte er die Ablösung nicht vor nächster Woche erwartet. Die Möwen schwiegen ebenfalls.
Joseph sah zum Leuchtturm hinauf. Halb erwartete er, die brennende Lampe zu sehen, obwohl es taghell draußen war. Arthur, James und Donald waren sicher mit dem Logbuch und Reparaturen beschäftigt.
Aber warum kamen sie nicht herunter, beim heiligen Brendan! Sie mussten doch wissen, dass die Matrosen der Hesperus sich das Maul zerreißen würden, wenn sie den Leuchtturmwärter nicht lebendig und unversehrt zu Gesicht bekamen. Den ganzen Weg hierher hatte sich Joseph ihre Geschichten über Seemänner und Städte auf dem Grund des Meeres anhören müssen, die nicht duldeten, dass in ihrem Reich jemand ein Haus errichtete.
Joseph ging zum Eingang des Turms. Die Tür war nicht abgeschlossen. Drinnen war es düster und feucht. In der Küche lag ein Stuhl auf dem Boden, das Geschirr war gespült. Im Dienstzimmer stand das Fernrohr mit der Linse nach unten auf dem Tisch, das Logbuch lag geschlossen daneben. Ein Zettel mit ein paar hingekritzelten Wetterdaten lag zur Übertragung darauf. Die Tinte im Fass war eingetrocknet.
Joseph rannte in die Schlafstuben. Doch auch hier war keine Spur der drei Männer zu finden.
Er rief nach ihnen.
Keine Antwort. Einer musste doch im Leuchtturm sein. Einer musste immer im Leuchtturm sein, so war es Vorschrift. Warum hatten alle drei ihren Arbeitsplatz verlassen? Und vor allem wohin? Sonst gab es ja nichts auf der Insel. Waren sie etwa am zweiten Landeplatz? Aber sie mussten doch gesehen haben, dass die Hesperus auf der anderen Seite vor Anker gegangen war.
Er lief hinunter und bemerkte, dass zwei Ölhäute fehlten. Wenn alle drei den Turm verlassen hatten, warum hatte einer dann seinen Wetterschutz zurückgelassen? Oder angesichts des ruhigen Wetters: Warum hatten die anderen ihn angezogen?
Joseph eilte ein Stück die Schienen hinab, bog dann ab und lief den schmalen Sattel in der Mitte der Insel entlang. Hier hatte er einen weiten Blick. Die See war grau, kleine Wellen kräuselten sich am Bug der Hesperus. Am Horizont lagen dunkle Wolken.
Er drehte sich herum und sah zum Leuchtturm zurück. War das ein Leuchten gewesen? Hatte das Leuchtfeuer vor der herannahenden Dunkelheit kurz aufgeleuchtet?
Siedend heiß fiel ihm ein, dass er den Raum in der Turmspitze, dort wo das Leuchtfeuer war, nicht durchsucht hatte.
Aber warum auch? Die Männer würden sich wohl kaum in der Turmspitze vor ihm versteckt halten.
Trotzdem rannte er zurück, riss die Tür auf und stürmte die Treppen hinauf. Das Leuchtfeuer war kalt und leer. Sogar der typische Petroleumgeruch fehlte. Er überprüfte die Vorräte, aber es war noch genug Brennstoff da. Der Raum war voller Staub, er hatte sich sogar auf den Linsen abgelagert. Hier war seit einer Woche niemand mehr gewesen.
Joseph war kalt. Etwas hatte sich um seinen Brustkorb gelegt, eine kalte Hand, die ihm am Atmen hinderte. Er lief ins Dienstzimmer und schlug das Logbuch auf. Der letzte Eintrag datierte auf den Tag, bevor zum ersten Mal vom Fehlen des Leuchtfeuers berichtet worden war. Arthur hatte geschrieben, dass der Sturm an Stärke zunehme.
Sturm?
Joseph blätterte zurück. Einen ganzen Tag lang hatte ein schrecklicher Sturm geherrscht, der den Männern jeden Gang nach draußen unmöglich gemacht hatte. Joseph wusste, wie das Wetter in der letzten Woche gewesen war. Er hatte seit den ersten Nachrichten ja nichts Anderes getan, als das Wetter zu beobachten. Und auch wenn es seit dem Verlöschen des Leuchtfeuers durchgehend schlecht gewesen war, davor war es ruhig gewesen.
Da war er sich ganz sicher. Er hatte sich ja geärgert, dass es so plötzlich umgeschlagen war und es unmöglich gemacht hatte, nach dem Rechten zu sehen.
Er ging in die Küche. Sah sich um.
Wo seid ihr?, dachte er. Wo seid ihr geblieben?
Gedanken an Meergespenster und Seemänner stiegen in ihm auf. Diese verdammte Insel! Ein einsamer Felsbrocken im weiten Meer. Wer einmal hier war, kam nicht wieder weg. Es musste eine vernünftige Erklärung geben!
Waren sie ins Meer gestürzt? Es gab Stellen, an denen es verdammt glatt und gefährlich war. Was, wenn sie am anderen Landeplatz lagen, verletzt auf den Felsen, und seit Tagen auf Hilfe warteten? Konnte man das überleben?
Diesmal lief er auf dem Sattel hinüber zur anderen Seite der Insel. Es gab dort noch eine zweite Landungsstelle, einen zweiten steilen Weg die Felsen hinab, ein Riff, an dem sich bei schlechtem Wetter die Wellen brachen.
Ein starker Wind wehte. Es war zeitig dunkel geworden. Wolken rasten über den Himmel. Er musste ein wenig suchen, bis er die Stelle fand, wo die Stufen begannen, doch dann stellte er fest, dass sie herausgebrochen waren. Ganze Teile des Riffs fehlten. Der Kran, mit dem man die Versorgungskisten hinaufhievte, war verschwunden. Ein schwerer Felsbrocken, ein tonnenschwerer Stein, war aus seinem Bett gehoben und ein Stück landaufwärts gerollt.
Fassungslos stand er davor. Hatte er sich geirrt und es hatte doch einen Sturm gegeben?
Unter ihm rollte eine Welle heran und donnerte gegen den Felsen. Sie war so hoch, dass die Gischt bis zu Joseph hinauf reichte. Eisiges Seewasser schlug ihm ins Gesicht.
Joseph zitterte. Ich muss zurück zum Schiff. Auch wenn er dort von einem Sturm berichtete, den es vielleicht gar nicht gegeben hatte, es half ja nichts. Er hatte die ganze Insel abgesucht. Von den Männern war keine Spur zu finden. Er musste zurück zum Schiff.
Der Wind blies ihm entgegen, als er den Sattel erklomm. Auf der anderen Seite, am Landungsweg war es noch schlimmer. Er kämpfte gegen starke Böen an. Möwen schrien und das Meer wogte wild. Endlich sah er den Landepunkt einige hundert Meter unter sich.
Das Boot war verschwunden. Die Hesperus bewegte sich langsam aufs Meer hinaus.
»Nein!«, schrie er. »Ich bin noch hier.«
Das Schiff hatte Segel gesetzt und fuhr schnell davon.
Joseph kam nicht mehr gegen den Wind an.
Unten rollte eine Welle heran, schlug gegen die Felsen und der Landepunkt verschwand. Eine weitere kam, sie war so groß, dass sie bis zu Joseph reichte. Eisiges Wasser ergoss sich über ihn.
Er machte kehrt und rannte hinauf. Zurück aufs Plateau. Sie können mich doch jetzt nicht einfach so zurücklassen. Hinter ihm trieben neue Wellen heran. Er hörte das Donnern, wenn sie gegen den Felsen schlugen.
Da war das Plateau. Dort der Leuchtturm. Dunkel und verlassen. Er umrundete das Gemäuer.
Da war sie. Die Hesperus.
Joseph ruderte wild mit den Armen, schrie, so laut er konnte. »Nehmt mich mit. Lasst mich nicht zurück.«
Eine Welle traf ihn im Rücken. Sie war so hoch, dass sie die gesamte Insel überspülte und ihn hier, am Rande des Felsens von hinten traf. Er wurde nach vorn geschleudert, schlitterte einige Meter über den Stein und kam kurz vor dem Abgrund zum Halten.
Das Wasser zog sich zurück.
Er sah sich um und sah die nächste Welle herankommen. Über die Insel. Eine riesige schwarze Wand, wogend und dunkel wie die Nacht.
Und da sah Joseph zum ersten Mal Menschen auf der Insel.
Sie rannten auf ihn zu. Ihre Umrisse zeichneten sich vor dem Wasser ab, es sah aus, als ob sie vor ihm davonrannten.
»Arthur!«, schrie Joseph. Seine Stimme war kaum zu hören. »Arthur. Wo bist du gewesen?«
Die Welle brach sich am Felsen, die Gestalten verschwanden im wirbelnden Wasser. Dann traf Joseph eine kalte, harte Wand und trieb ihn über den Felsen, auf den Abgrund zu.
Seine Hände schrammten über Fels, sein Bein verhakte sich irgendwo und Schmerz schoss ihm die Hüfte hinauf, Wasser wie Eis drang ihm in die Kehle, füllte ihn vollkommen aus und erreichte seine Lungen.
Dann bekam er einen Fels zu fassen und krallte sich fest. Seine Nägel splitterten und der Schmerz wurde unerträglich.
Und dann war es vorbei.
Joseph hing, an einem Felsen geklammert vierzig Meter über dem Abgrund. Seine Beine schmerzten vor Kälte oder etwas anderem, sein Unterleib lag  auf Stein. Er war auf einen kleinen Vorsprung gespült worden.
Er zog die Beine an und rappelte sich keuchend auf. Alles tat ihm weh, sein linkes Bein trug ihn nicht mehr. Mit letzter Kraft zog er sich den Felsen hinauf, hoch auf das Plateau.
Die nächste Welle näherte sich schon, er konnte sie sehen. Nur noch wenige Minuten und sie hätte ihn erreicht. Wo waren Arthur, James und Donald? Wenn sie bis jetzt überlebt hatten, dann ja wohl auch die letzte Welle.
Er humpelte los. Der Schmerz war jetzt überall, die Kälte nahm ihm den Atem und in der Dunkelheit war der Turm nur ein Schemen, den er immer wieder suchen musste. Wo waren die Männer?
Da! Da! Der Leuchtturm lag direkt vor ihm. Und die Männer waren beinahe schon angelangt. Sie rannten vor dem schäumenden Wasser davon, auf die offene Tür zu.
»Helft mir!«, schrie Joseph. »Helft mir.«
Er streckte die Hände aus, und die Gestalten wandten sich ihm zu.
Sie hatten hohle, dunkle Augen, wilde Wirbel bildeten ihre Körper, dunkles Wasser überall. Sie ergriffen Josephs Hände und rissen ihn mit sich fort.
Es waren Menschen aus Wasser.
Die Welle traf Joseph, riss ihn von den Beinen, schleuderte ihn durch die Luft und zerrte ihn den ganzen Weg zurück zum Abgrund. Hände griffen nach ihm, rissen ihn nach oben, nur um ihn sofort wieder loszulassen. Joseph wurde herumgewirbelt wie ein Blatt im Wind. Wie ein Tropfen im Wasser.
Er prallte auf dem Boden auf, und als er begriff, dass es noch einen Boden gab, gruben sich seine Hände so tief in die Moosballen, dass er spürte, wie die Haut bis auf die Knochen abgerieben wurde. Das abfließende Wasser riss an ihm, aber trotz der Schmerzen klammerte er sich so fest daran, wie er konnte.
Er hob den Kopf.
Wellen rollten heran. Sie kamen nun von allen Seiten. Sie waren höher als die Insel, höher als der Leuchtturm.
Joseph spürte seine Beine nicht mehr. Er wollte auf den Turm zukriechen, aber dort waren die Wassermenschen. Sie waren jetzt überall. Die ganze Insel war voll von ihnen. Sie beherrschten die ganze Insel.
Und sie hatten ihn gesehen. Sie kamen auf ihn zu. Er versuchte wegzukommen, aber der einzige Weg, der ihm blieb, war Richtung Abgrund. Sie streckten ihre Hände nach ihm aus, voller Vorfreude, ihn in die Tiefe zu reißen, für immer, in ihr kaltes Reich.
Wasser umspülte ihn, die Kälte war nun so allumfassend, dass es in seinem Herzen wieder warm war. Er stieg empor und wurde über den Abgrund gerissen. Atmen konnte er nicht mehr, seine Beine zuckten hilflos in der Luft. Wenigstens bin ich nicht allein, dachte er, bevor er auf dem Wasser aufschlug.