Auf Fels gebaut

Die Kurzgeschichte befindet sich auch im Sonderband des Marburg-Award 2018, sie erreichte bei 40 Einsendungen den 6. Platz.
Ich habe sie geschrieben, um meine Eindrücke des Helsinkier Olympiastadions zu verarbeiten, das ich 2015 vor dem Umbau besucht hatte. Und das Fußballrasentrauma, das ich schon seit Jahrzehnten mit mir rumschleppe. Ich denke, jetzt ist es gut.

Matti

An einem schönen sonnigen Herbsttag Anfang Oktober im Jahre 2015 fand sich auf dem Rasenfeld im Inneren des Olympiastadions in Helsinki, Finnland, ein umgekippter Spindelmäher neben dem Feldmanager und Greenkeeper Reko Kurvinen, der regungslos daneben lag. Entdeckt wurde der Tote vom Kassierer Matti Liskonen, der vor Antritt seiner täglichen Arbeit nur noch schnell einen Spaziergang machen wollte.
Doch nun wunderte Matti sich. Was machte Reko so früh im Stadion? Und war die Gestaltung des Rasens nicht schon vor einigen Tagen abgeschlossen gewesen? Warum wollte er erneut mähen? Gestern war das Kreismuster noch intakt gewesen, genau deswegen unternahm Matti ja in aller Herrgottsfrühe diesen Spaziergang. Er mochte das Stadion mehr, wenn es leer war. Das sanfte, stetige Säuseln des Windes, die Stille und die Weite und nun – seit der letzten Rasenpflege – die kreisförmige Mitte, ein perfektes Rund, das alles um sich herum einschloss. Das Olympiastadion als Kunstwerk.
Er verließ die Laufbahn und machte sich auf den Weg zur Rasenmitte. Wenn sie das Stadion wegen der anstehenden Umbauarbeiten schlossen, würde er nicht mehr hierher kommen können. Falls er überhaupt noch zur Arbeit gehen konnte. Seufzend umging er den Spindelmäher, der an einem Seil in der Mitte des Rasens befestigt war, aber seltsamerweise über einem aufgerissenen Stück Grasnarbe lag. Grau und braun schimmerte der Untergrund hervor, Grashalme und Wurzeln lagen offen daneben. Reko umklammerte noch immer das Seil, als wollte er es spannen. Seine Augen standen offen, ein Ausdruck des Entsetzens in seinem Gesicht festgefroren, der Mund leicht geöffnet, die Zungenspitze an den Lippen, als lecke er sich das Blut ab, das ihm aus der Nase über den Mund bis zum Kinn gelaufen war.
Erst in diesem Moment begriff Matti, dass Reko tot war. Er musste es sein, so wie er dalag, bewegungslos, blutig, starrend.
Matti stieß einen Schrei aus oder zumindest glaubte er, dass er es tat, weil er in der Stille des Stadions ein Geräusch hörte, das nach Entsetzen und Unglauben klang, nach Wut und Endgültigkeit. Er vermeinte ein leises Flüstern zu hören, wie das Gezwitscher einer Wasseramsel oder der leise, sehr weit entfernte Schrei von Möwen.
Und Gesang.
Wahrscheinlich Touristen, dachte er resigniert. Sie stehen sicher schon an der Eingangstür und warten ungeduldig, dass sie endlich den verdammten Turm hinaufsteigen können. Ich werde gehen müssen, um ihnen zu öffnen, sonst grölen sie am Ende noch lauter herum.
Erst da wurde ihm klar, dass er das Stadion nicht öffnen konnte, wenn ein Toter darin herumlag. Er drehte sich ein, zweimal im Kreis, in der Hoffnung auf eine Eingebung, aber in der hellen Weite des Stadions lag nichts verborgen, was ihm zu einer Entscheidung verholfen hätte. Nur das Raunen des Windes und das Gezwitscher irgendwelcher Vögel, die wahrscheinlich oben auf dem Dach der Geraden saßen und alles vollkackten.

Ilmari

Ilmari Väskeläinen, Student der Architektur und begeisterter Anhänger der finnischen Funktionalisten und des nordischen Klassizismus – also einer eher schmucklosen und gradlinigen Bauweise – beugte sich über die Aufzeichnungen aus dem Jahre 1934, die er im Sportmuseum des Olympiastadions gefunden hatte. Der Bau des Olympiastadions! Vom Architekten selbst kommentiert. Welch ein Fund!
Er war selber überrascht, dass er bisher nichts von Yrjö Lindegrens Tagebuch gewusst hatte, hatte er doch seine Magisterarbeit über dieses großartige Beispiel finnischer Baukunst geschrieben. Funktionalistisches Bauen galt ja oft als langweilig, hässlich. Nicht so die finnische Variante, die es schaffte, auch nach achtzig Jahren immer noch neue Varianten pragmatischen und gleichzeitig ästhetischen Bauens hervorzubringen. Und das Olympiastadion war eine der Ikonen dieser Entwicklung.
Neugierig blätterte er in Yrjös Aufzeichnungen. Der Mann hatte eine unleserliche Handschrift gehabt. Da würde er ewig brauchen, um die wichtigsten Punkte herauszuarbeiten. Und die Zeit war knapp. Erstens schloss das Museum demnächst wegen der Umbauarbeiten. Und zweitens wollte der Redakteur des Helsingin Sanomat, für den Ilmari eine Artikelreihe über das Stadion schreiben sollte, spätestens übermorgen den ersten Artikel sehen.
Das Stadion war seit seiner Fertigstellung 1938 sechsmal umgebaut worden, meistens um die Bestuhlung an die erwarteten Massen anzupassen. 1952 hatten sie sie von 40.000 auf 70.000 erhöht, Überdachungen und Außenverkleidungen hinzugefügt. Die ursprüngliche Leichtigkeit, der funktionalistische Entwurf waren nicht mehr so deutlich wie zu Anfang, das musste man schon sagen. Aber trotzdem. Das Stadion war und blieb ein Symbol für die moderne Kunst.
Gleich der erste Eintrag handelte von einem Frühlingsfest der Karelier, die für die Sprengarbeiten am Untergrund angeheuert worden waren. Offenbar hatte es einen gegrillten Bären, ein Tanzspiel und beträchtliche Mengen Alkohol gegeben, Yrjö schilderte alles so detailliert, dass Ilmari – ohne es zu wollen – das Bild von Hunderten betrunkener Bauern vor Augen hatte, die sich gegenseitig schubsend im Kreis drehten.
Kantelenspiel und mythische Gesänge. Ilmari hatte sich ehrlich gesagt von jemandem wie Yrjö Lindegren etwas mehr Substanz erwartet. Gedanken zum Wesen des Bauwerks, Details der Planung, Erörterungen über moderne Architektur und ihre Bedeutung für den Menschen. So etwas in dieser Richtung.
Die Helsinkier liebten ihr Stadion. Ilmari sollte als ausgewiesener Experte den Umbau begleiten und berichten, ob sich die Stadionstiftung an ihr Versprechen hielt, das Stadion zumindest äußerlich unverändert zu lassen. Am Anfang hatte es nur geheißen, wir müssen das Fundament neu machen. Daraus war dann plötzlich ein Großbauprojekt geworden, mit riesigen Sportanlagen, Saunalandschaften und Meetingräumen. Alles unterirdisch.
Der einführende Artikel musste ein Donnerschlag werden. Er musste die Bedeutung innovativen Designs herausheben, gleichzeitig musste er Gefühle ansprechen. Finnische Gefühle. Die berühmte finnische Volksseele. Tiefgründig und depressiv, alkoholisiert und leidend an der Welt. Gleichzeitig aber auch mutig und stolz auf ihr Land.
Er sah aus dem Fenster. Langsam wurde es dunkel, er würde wohl für heute Schluss machen müssen. Ob Yrjös Aufzeichnungen wohl noch irgendwas hergaben? Wahrscheinlich zogen auf den nächsten Seiten Rentierherden und Elche durch die Hauptstadt und der Architekt begeisterte sich dafür, wie die Karelier sie mit Pfeil und Bogen erlegt hatten.
Er verabschiedete sich vom Archivar und trat nach draußen. Die Sonne verschwand gerade hinter dem Horizont. Ein letzter gleißend heller Strahl fiel auf das Stadion, dessen helles Weiß aufleuchtete. Ein einfaches Oval, ein weites Rund in der flirrenden Helle des nordischen Lichts, leicht und schwebend über der dunklen Erde. Über dem Stein, der achtzig Prozent des Helsinkier Untergrunds ausmachte.
Luft und Stein, dachte Ilmari. Das ist es.
Das Stadion als Luftbringer, als Symbol für Freiheitsliebe und Fortschritt. Gebaut auf Gestein, das sich unter ganz Finnland hinzog wie ein harter, zänkischer Vater, gegen den man sein ganzes Leben kämpfen musste. Die Vegetationsdecke war dünn, hier am Meer existierte sie fast gar nicht mehr. Überall ragten Felsen zwischen den Häusern empor, Saunen waren in den Untergrund getrieben und Straßen durch den Granit gesprengt.
Und dann der ewige Wind, der durch die Stadt wehte. Ilmari warf einen Blick zum Himmel. Cirruswolken zogen dahin. Genauso hatte das ursprüngliche Stadium ausgesehen, ein weißer, weiter Strich, hingehaucht in die flirrende Helle des nordischen Lichts.
Über den Himmel zogen Vögel, frei wie der Wind. Das war Finnland.

Matti

Die Polizei hatte nichts herausgefunden. Nicht, dass Matti sich wunderte. Wann fand die Polizei schon mal etwas heraus? Hatte sie überhaupt Zeit für Ermittlungen? Eher nicht, es gab so viel anderes zu tun. Aber im Fall des toten Gärtners im Olympiastadion, einem der Wahrzeichen der Stadt, hätte er gedacht, dass die Ermittlungen mal etwas Anderes wären, aufregend und wichtig.
Aber was wusste er schon. Die Leute von der Stadionstiftung waren sauer, weil sie ständig mit irgendjemandem reden mussten, mit dem sie nicht reden wollten, weil alle Welt nur noch vom toten Reko sprach und nicht mehr davon, in welch grandioser Weise sie das Stadion den Erfordernissen der Zeit anpassen würden, ohne den historischen Entwurf in irgendeiner Art zu schmälern. Und weil der Präsident der Polizeigewerkschaft sie gezwungen hatte, seinen Polizisten jede Auskunft zu geben, die sie haben wollten.
Matti holte eine Flasche Wodka hervor, die er für den kommenden Abend gekauft hatte. Ein Treffen mit Freunden in der Sauna würde seine Laune heben. Eine Stunde noch und er wäre frei zu gehen und diesen unerfreulichen Ort, zu dem das Stadion geworden war, zu verlassen. Die Touristen, die auch um diese Jahreszeit noch reichlich kamen, fragten ständig nach dem Toten und wollten wissen, ob man den Mörder schon gefunden hätte.
Den Mörder! Woher nahmen sie die Überzeugung, dass Reko ermordet worden war? Vielleicht war es ein Herzanfall gewesen. Oder eine Blutung im Kopf. Irgend so etwas. Besoffen erfroren war er jedenfalls nicht, denn Reko trank nicht während der Woche und auch nicht in der Innenstadt. Seine Ecken lagen am anderen Ende der Stadt. Matti hatte ihn einmal in seinen Lieblingspark begleitet, es dort aber langweilig und zugig gefunden. Außerdem war es gar nicht kalt genug, um zu erfrieren, erst nach Rekos Tod hatten leichte Minusgrade eingesetzt. Aber das war wegen der Sonne, dachte Matti. Wenn der Himmel blau und wolkenlos war, dann wurde es einfach kälter. In der Nacht von Rekos Tod war es bedeckt und trübe gewesen. Reichlich fünf Grad. Kaum kalt genug, um zu erfrieren.
Aber warum sollte jemand den armen Reko töten und ihn dann ausgerechnet mitten im Stadion ablegen? Dem Ort, den er am wenigsten mochte. »Dieser Rasen bringt mich noch um«, hatte er immer gesagt. »Viel zu klein. Und ständig muss ich nachmähen. Nichts wächst richtig. Hoffentlich sind sie mit diesem Umbau bald fertig, dann kann man wenigstens mit diesem hässlichen alten Ding etwas anfangen.
Matti fand nicht, dass das Stadion hässlich war. Es war alt, gut, und Wasser drang ein. Die Renovierung war dringend nötig. Aber warum Reko ausgerechnet mitten in der Nacht hierhergekommen war, das hätte Matti wirklich gern gewusst.
Ein Junge kam herein und verlangte ein Ticket für den Olympiaturm. Gelangweilt nahm Matti das Geld und sah dem Grünschnabel hinterher. Er trug eine Chino und einen Strickpullover, die Windjacke hatte er in der Hand. Würde er oben auf dem Turm auch brauchen. Heute Mittag war es noch warm gewesen im Sonnenschein, aber jetzt, kurz vor Schließung würde der Wind ordentlich wehen.
Matti stützte den Kopf auf die Hände. Seufzte. Verlor sich in Gedanken an seinen abendlichen Saunabesuch.
Hatte er alle eingeladen? Sollte er Toivo noch anrufen und fragen, ob er kam? Sie waren schon so lange nicht mehr zusammen gewesen und Toivos Saunawurst war die beste. Hmm, Makkara, Pickles und Wodka. Und im Hintergrund das Meer und die Möwen. Das würde was werden.
Der Junge stand vor ihm. Sah ihn an. Matti zuckte zusammen.
»Kann ich dir helfen?«
»Was ist mit dem Rasen los?«, fragte der Junge. Er war vielleicht zwanzig, dachte Matti. Aber allerhöchstens.
»Was soll mit dem Rasen los sein?«
»Er sieht schlecht aus.«
Matti zuckte mit den Schultern. Die ausgerissene Grasnarbe wuchs nicht zu, egal was der andere Greenkeeper unternahm. Selbst neu verlegter Rasen starb bald wieder ab. Aber das konnte der Junge ja von da oben nicht gesehen haben.
Aber er starrte immer noch. Machte keine Anstalten zu gehen.
»Was denn?«, sah Matti sich gezwungen zu fragen.
»Da ist überall abgestorbenes Gras, auf der ganzen Fläche. Als wäre jemand mit der Hacke drüber gegangen.«
»Vielleicht vertikutiert?«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Dann ist der Rasen grün und ein bisschen grau. Aber da sind überall Linien. Breite Linien. Und sie sind braun, sonst hätte ich es ja von oben nicht gesehen.«
Matti sah auf die Uhr. Es war kurz vor sechs. Er musste sowieso gleich schließen. Also stellte er ein Schild auf die Rezeption und ging mit dem Jungen hinaus.
Der stellte sich als Ilmari vor, Architekturstudent. Beschäftigt mit den Umbaumaßnahmen. Du lieber Gott, dachte Matti. Hoffentlich quatscht er mich jetzt nicht voll und will wissen, was ich von der Überdachung halte. Oder den unzähligen Imbissbuden, die sie angeblich in die Außenanlagen integrieren wollen. Oder, dass die Nationalmannschaft jetzt drei Jahre in Turku trainieren muss.
Aber der Junge sagte nichts. Er schritt schnell aus und bald gelangten sie auf die Tribüne. Ein kalter Wind wehte und wie so oft in letzter Zeit klang es, als spiele jemand eine süße Melodie. Traurig und getragen fing sich der ewige Wind in den Rängen und wehte sein Trauerlied über das gesamte Stadion. Matti hörte sie oft, aber sie verschwand, sobald er das Stadion verließ. Ein Abschiedslied für den toten Reko.
Der Rasen war ein einziges Gemetzel. Überall abgestorbene, braune Flecken und Streifen. Wurzeln lagen offen, graues Gras verteilte sich überall, Staub und dünne abgestorbene Halme wehten durch die Luft.
Ilmari sahen ihn an.
»Ich weiß nicht«, sagte Matti. »Heute Morgen sah es noch nicht so aus.«

Ilmari

Am nächsten Tag ließ Ilmari sich vom Archivar die Jahresberichte des Olympischen Komitees geben. Er hatte sie noch nie gelesen, weil das Komitee mit dem Bau eigentlich nichts zu tun gehabt hatte. Es hatte sich nur um die Finanzierung gekümmert und die Vermarktung des Projektes. Der Bau war ausschließlich durch Spenden aus der Bevölkerung finanziert worden, und das Komitee hatte Geschenke organisiert, Besichtigungstouren, Vergünstigungen für die besonders großzügigen Spender. Ein Crowdfunding-Verfahren aus den 30ern. Finnland war seiner Zeit schon immer voraus gewesen.
Doch jetzt stand ein Umbau an, und der Nachfolger des Komitees die Stadionstiftung verhielt sich merkwürdig. Der Kassierer hatte ihm gestern Abend zu erklären versucht, dass der Rasen seit ein paar Tagen Probleme machte. Seit der alte Greenkeeper, ein Typ namens Reko darauf gestorben war. Dabei hatte er ihn furchtsam angeblickt. Klar, bestimmt ging Rekos Geist um und versaute den Rasen. Der Kassierer war ein alter Saufkopf. Er sah aus, als ob er kurz vor der Rente stünde und demnächst mit offenen Augen einschlafen würde. Nach Wodka hatte er auch gerochen.
Reko hatte am Tag vor seinem Tod noch den Rasen gemäht. Warum, wenn das Stadion demnächst schloss? Und warum behauptete die Stiftung, er sei bei einem Unfall gestorben, die Polizei ging aber von Alkoholmissbrauch aus, während der alte Saufkopf Stein und Bein schwor, Reko habe nie im Stadion gesoffen? Und was für ein Unfall sollte das gewesen sein, mitten auf dem Rasen, meilenweit entfernt von jeder Treppe, die man hinunter fallen oder Metallschienen, an denen man sich den Kopf aufschlagen konnte?
Da stimmte doch was nicht.
Ilmari hatte vom Turm aus ein Foto gemacht, um die Lage zu dokumentieren. Nachher würden sie wieder alles abstreiten und er wollte sicher sein, dass jemand wusste, was passierte. Und jetzt würde er sich durch achtzig Jahre Stiftungsprotokolle arbeiten, in der Hoffnung etwas zu finden, dass Rekos Tod erklärte.
Er brauchte den ganzen Tag dafür. Innerlich beglückwünschte er sich zu seinem Durchhaltevermögen, auch wenn er, während die Sonne unaufhaltsam gen Horizont sank, immer mehr zu zweifeln begann, dass er auf der richtigen Spur war. Er war ziemlich sicher gewesen, dass es etwas mit den Umbauarbeiten zu tun hatte. Die Stadionstiftung stand nicht gerade in dem Ruf, besonders transparent zu sein. Und sie war die Nachfolgerin des Komitees und damit für alles verantwortlich, was das in achtzig Jahren so getrieben hatte.
Bis sein müder Blick gegen Abend an einem Wort hängen blieb: Jatulintarha – das Haus des Riesen. Er erkannte es nur, weil sein Großvater ihm erzählt hatte, dass die spiralförmigen Labyrinthe so genannt wurden, die man an der Westküste – wo Ilmari herkam – zu Hunderten fand. Sie bildeten – aus flachen Steinen – einen einzigen, sich eng umeinander windenden Weg, der direkt ins Zentrum führte.
Und diese Labyrinthe waren früher bei Dorffesten für Tanzspiele genutzt worden.
Hatte er Yrjös Tagebuch noch irgendwo? Eilig durchwühlte er den Stapel an Papieren auf seinem Tisch, schlug ungeduldig die erste Seite auf und verglich die Jahreszahlen. Und tatsächlich! Es stimmte. Der furchtsame Schreiber des Komitees berichtete von einem ominösen Geist im Frühjahr ’34, der auf der Baustelle sein Unwesen getrieben hatte. Es gab vermehrt Streitereien, Leute erschienen nicht mehr zur Arbeit, immer öfter landete jemand im Krankenhaus. Der Bau hatte gerade begonnen und schon sah es so aus, als ob das große Vorhaben scheitern würde.
Bis ein Toter im Stadion lag. Genau in der Mitte eines Labyrinths, das laut dem Schreibern von den Kareliern stammte.
Ein Tanzspiel mit Toten? Wieso hatte Yrjö nichts darüber geschrieben?
Schnell blätterte Ilmari weiter. Erst Monate später wurde der Vorfall wieder erwähnt, als es darum ging, dass sich die Karelier endlich einverstanden erklärt hatten, die dann fertig gestellte Baugrube zu verlassen und in die Holzverarbeitung zu gehen. Die Sprengarbeiten waren abgeschlossen und man hatte begonnen, die zentralen Stützpfeiler zu setzen.
Die jetzt zwar nicht erneuert aber komplett saniert werden sollten. Inklusive großräumiger Sprengungen an eben jenem Untergrund.
Ilmari stand auf und ging den Gang entlang. Er wolle den Archivar fragen, ob es noch andere Aufzeichnungen aus dieser Zeit gab. Vielleicht wusste der sogar etwas über den Vorfall?
Aber der Archivar war nicht da. Ja, Ilmari war völlig allein im Museum. Für einen Augenblick umgab ihn vollkommene Stille und Ilmari meinte, keine Luft mehr zu bekommen.
Hinter ihm war jemand. Erschrocken drehte er sich um, aber der Gang war leer. Er starrte ins Nichts, dann raffte er seine Sachen zusammen, stopfte sie in das Schließfach und rannte, seine Jacke vom Haken reißend nach draußen.
Gierig atmete er den kühlen Wind ein. Sein Gesäusel vertrieb die Stille und Ilmari bekam wieder Luft. Im Licht der untergehenden Sonne beschloss er, auf den Turm zu steigen.
Der Saufkopf war nicht da, also bezahlte Ilmari bei seinem Vertreter und stieg die dreißig Stockwerke zu Fuß hoch. Und dann stand er oben, der eisige Wind wehte ihm um die Nase und er atmete tief ein und aus. Schließlich trat er zum Rand der Aussichtsplattform und sah hinab.
Und dort, inmitten von braunen Halbkreisen und grauen Flächen sah er den Saufkopf auf dem Rasen stehen. Vielmehr lief er herum, und bald wurde Ilmari klar, dass er dem Weg des Labyrinthes folgte. Er folgte der Spirale in immer kleiner werdenden Kreisen und bald würde er in der Mitte ankommen. Ilmari ließ die Karte fallen und rannte zum Aufzug.

Matti

Heute Morgen hatten sie ihm gesagt, dass er nicht länger hier arbeiten würde. Dabei war er noch in Gedanken an seinen Saunabesuch versunken gewesen und hatte gar nicht richtig hingehört. Anna war da gewesen, gestern Abend. Anna, die Leiterin der Jugendherberge im Stadion. Sie hatten sich schon lange nicht mehr getroffen.
Sie war traurig gewesen Die Jugendherberge schloss ebenfalls, und würde, wie es aussah, ebenso wie Matti nicht an ihren alten Platz zurückkehren. Im neuen Stadion war kein Platz für Billigunterkünfte.
Und Anna hatte ihm vom Geist des Stadions erzählt, der in letzter Zeit wieder öfter gesichtet worden war. Eine unsichtbare Präsenz, die ihre Gäste wahrnahmen. Eine freundliche Anwesenheit, neugierig und wachsam.
Und da hatte Matti eben einen Kumpel gefragt, ob er ihn an der Kasse vertrat, damit er dem Stadion seinen letzten Tribut erweisen konnte. Oder vielmehr dem Geist.
Die Musik erklang, sobald Matti den Rundgang unter den Sitzreihen betrat. Der Wind wehte heftig, da wo die zusätzlich 1952 aufgesetzten Sitzreihen auf die ursprüngliche Außenwand trafen, war ein Hohlraum, der sich um das gesamte Stadion zog. Der Wind rann darin entlang wie ein Fluss und sein Gesang erinnerte Matti an das Lied vom kleinen Riesen, das er als Kind so oft gesungen hatte.
Anna war so stolz gewesen, einen Geist in ihrer Herberge zu haben. Und nun mussten sie alle gehen. Und die Leute von der Stiftung würden den Boden aufhacken und das Gestein davon tragen und es unendlich klein mahlen, und aus dem Staub würden sie Ziegel machen und daraus wiederum Häuser bauen. Die Menschen würden ständig umgeben sein von den Resten des Stadions. Von den Knochen der Erde.
Der Wind wehte stark und rauschte durch die Stützpfeiler, vorbei an den eisbedeckten Sitzen und ballte sich über den zerstörten Rasen zu einer wilden Wolke zusammen. Durch den abgestorbenen Rasen war der nackte Fels zu sehen.
Matti dachte an Reko. An seine aufgerissenen Augen. Und an den Gesang des Stadions. Er war fast froh, dass er den Ruf jetzt endlich verstand.

Ilmari

Ilmari rannte an der Kasse vorbei, nach draußen, den Außengang des Stadions entlang. Der Wind pfiff, die offene Struktur war wie eine Flöte, die den Wind einfing und ihm das Haar ins Gesicht wehte. Für einen Augenblick konnte er nichts sehen, dann gelangte er in den schmalen Durchgang, der ins Innere des Stadions führte.
Dieser Reko hatte ein Labyrinth gemacht. Das war klar. Zwar war es dreimal so groß wie ein normales Tanzlabyrinth und es war auch nicht aus aufgeschichteten Steinen. Vielmehr schien es aus dem Rasen emporzuwachsen. Aber es deckte sich mit dem kreisförmigen Muster, das er in den Rasen gemäht hatte.
Nur was hatte er damit erreichen wollen? Was war unter dem Rasen. Nach Ilmaris Erkundigungen sollten die Sprengungen erst im Frühjahr beginnen, aber vielleicht hatten sie ja schon angefangen? Probebohrungen. Oder es stimmte etwas nicht mit den Plänen und der Greenkeeper hatte es herausgefunden.
Was trieb der alte Saufkopf da draußen? War er genauso dabei ins Verderben zu rennen wie der Greenkeeper und der Karelier? War in der Mitte etwas, was die Stiftung verbergen wollte?
Dunkelheit senkte sich herab. Der Wind pfiff wie verrückt geworden und drückte ihn von hinten weiter ins Stadion hinein. Ilmari überquerte die Laufbahn und rannte aufs Feld hinaus. 

Matti

Seine Großmutter hatte ihm immer erzählt, dass die Riesen dieses Land gebaut hatten. Sie hatten die Felsen geformt und die Hügel errichtet. Sie hatten den Sand in Säcken verteilt und das Wasser in die Seen geschöpft. Als die Menschen angekommen waren, hatte sie sich anfangs noch verteidigt und mit riesigen Steinbrocken geworfen. Aber der Gott der Christenheit war mächtiger gewesen, und so hatten die Riesen irgendwann das Land verlassen. Die, die gar nicht gehen konnten, hatten sich niedergelegt und waren in ihren Burgen zu Stein geworden. Und solche Steinhäuser, die Häuser der Riesen konnte man leicht erkennen, wenn man nur offenen Auges durch die Welt lief.
Matti spürte das Land. Es erstreckte sich weit, weit unter ihm, ein unendliches Meer aus Stein. Es ging vom Norden bis zum Meer, es war von den Gletschern glattgeschliffen und mit einer dünnen Schicht Erde bedeckt, in der sich Birken und Beerenbüsche festklammerten und in deren Mulden sich Wasser sammelten. Das war Finnland.
Als er das Zentrum erreichte, erklang das Lied bereits so laut, dass es in seinen Ohren dröhnte. Matti hatte als Kind oft auf der Lauer gelegen und auf einen Riesen gewartet. Seine Großmutter hatte ihm versprochen, dass sie manchmal noch auftauchten, aus ihrem langen Schlaf erwachten und dass man sie dann sehen konnte, wie sie in den Seen badeten und mit Felsen spielten.
Matti spürte den Felsen unter seinen Füßen und die eiskalte Luft schnitt ihm in die Lungen. Der Fels war das Land. Und hier, genau hier, wo er stand, würde eine riesige Wunde klaffen, ein Loch im Leib des Landes, und um diese Wunde zu füllen, braucht es Menschen.

Ilmari

Der alte Saufkopf lachte. Er stand tatsächlich leicht nach vorne gebeugt in der Mitte des Rasens, die Hände auf die Knie gestützt und lachte. Ilmari kämpfte gegen den immer stärker werdenden Wind an, Schritt um Schritt arbeitete er sich zu Matti vor.
Er erreichte ihn, als dieser nach vorne sank, in die Knie ging in der Mitte des Rasens, über dem ein Sturm tobte. Ilmari packte ihn an der Jacke, aber der alte Mann war erstaunlich kräftig und wehrte sich. Eine Weile rangen sie miteinander.
»Lass das«, rief Ilmari schließlich. »Ich will dich doch nur retten.«
Aber der alte Mann reagierte nicht. Verbissen kämpfte er gegen den Griff des Jüngeren an und schaffte es schließlich, sich loszureißen. Wieder taumelte er, den grauen Linien folgend auf die Mitte zu.
Ilmari war zurückgestolpert und vom Wind getroffen verlor er das Gleichgewicht. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, war der alte Mann bereits wieder in der Mitte angekommen. Er drehte sich noch einmal zu Ilmari um und streckte einladend die Hand aus: Komm her, sagte seine Miene. Lass es uns gemeinsam tun.
Und Ilmari dachte daran, dass sein Großvater ihm erzählt hatte, dass sie in Karelien solche Labyrinthe nicht für Tanzspiele errichteten oder an heiligen Plätzen. Sie errichteten sie über Gräbern.

Ansicht des Stadions im September 2015 vom Turm aus gesehen