Jorma Etto

Der Nachthimmel war klar und kalt. Dunkelheit umgab ihn, ja er strahlte Dunkelheit aus. Wenn er in den Nachthimmel sah, dachte er, dass er das Rätsel, das Helsingfors umgab, vielleicht eines Tages lösen konnte. Einfach nur, indem er kang genug hinsah.
Sich treiben zu lassen, erschien ihm eine gute Idee, bis er sie dann tatsächlich sah, die Stadt unter sich. Sie lag da, in der Dunkelheit und sie glänzte. Sie hätte nicht glänzen dürfen, er hätte nicht jede ihrer Straßen, die Fenster der Kaufmannshäuser, die Lichter der Boote erkennen dürfen. Er hätte gar nichts sehen dürfen, unter ihm hätte die Dunkelheit liegen müssen, die verkörperte Dunkelheit, die die Stadt umgab, den Himmel über ihr und die Felsen, auf denen sie gebaut war. Er dachte an das feuchte Wasser des Sumpfes, an die Schwärze, die daraus hervorgeströmt war, an das Gluckern, den Gestank und das plötzliche Grauen.
Aus den Tiefen blickte nichts. Es war die Flachheit, die zur Gefahr wurde. Das Wasser rann über seine Hand, seine weiße Hand, schwarz und klar. Er konnte die Linien seiner Haut sehen durch das schwarze Wasser, als es ins Meer zurückfloss, aus dem er es geschöpft hatte. Hier sollte der Ursprung des Grauens liegen. Über den stinkenden Wässern des Glo lag Stille. Träge schwappte das Meerwasser ans Ufer, auch wenn er nicht erkennen konnte, woher die Bewegung kam. Sie sagten, dass im Wasser ein uraltes Böses wohne, ein Sumpfungeheuer, aber er glaubte nicht daran.
Etwas anderes lebte im Meer. Etwas viel schrecklicheres als dieses Ungeheuer, von dem die Finnen faselten. Das Meer lag auf dem Felsen, tausende Tage Regen und weitere tausend Tage Sonnenschein, heißer, drückender Sonnenschein, der den frischen Wind des Meeres vertrieb, hatten auf den Felsen einen Sumpf geschaffen, einen dicken, tiefen Sumpf. Er füllte jede Vertiefung aus, die zwischen den Felsen lag, jede Kuhle, jede Ritze, floss Abhänge hinunter, traf auf das Meer.
Träge schwappte das Wasser ans Ufer. Tief drinnen, zwischen moosbewachsenen Steinspitzen und mit Flechten überwucherten Baumstämmen verschwand die Spitze eines langen, dünnen Schwanzes im Wasser. Sie sah wie eine Pfeilspitze aus, und als sie fast lautlos im Wasser versank, breiteten sich kleine Wellen kreisförmig aus, liefen hin und weg und erreichten das Ufer eine Stunde später. Träge schwappt das Wasser über schwarzer Erde und überspült gleichzeitig den schlaffen Körper, der dort liegt. Die Augen des Jungen sind geschlossen, auf seiner Wange zeichnet sich ein dünner roter Fleck ab und um die Mundwinkel liegt ein Lächeln, als erinnere er sich noch an die Berührung, die der Mädchenmund dort noch vor wenigen Stunden hinterlassen hat. Als sei er mit dieser Erinnerung für immer eingeschlafen.

Jorma Etto (1931 – 2016) war ein finnischer Dichter und über zwanzig Jahre Direktor der Stadtbibliothek Rovaniemi. Rovaniemi ist die Hauptstadt von Lappland und ein wichtiges Zentrum, außerdem befindet sich dort das Postamt des Weihnachtsmannes. Bibliotheken sind in Finnland ein wichtiger kultureller Austauschpunkt und traditionell Orte der architektonischen Innovation. Jorma Etto hat auch ein Gedicht über das Finnischsein geschrieben, ich gebe es hier in der englischen Übersetzung wieder:

A Finn is someone who answers when he is not asked,
asks when he is not answered, does not answer when he is not asked,
someone who strays off the road, shouts on the shore
and on the opposite shore someone else like him shouts:
the forest rings, resounds, the pine trees sigh.
From there a Finn comes and groans, he is here and groans,
that way he goes and groans, he is like someone in the sauna and groans
when someone else throws water on the stones.
Such a Finn always has a chum,
he is never alone and the chum is a Finn.
Nothing can part a Finn from a Finn,
nothing except death and the police.

https://www.scottishpoetrylibrary.org.uk/poem/finn/

Schreibe einen Kommentar